Deborah Feldman – Unorthodox (Mein Hörbuch-Highlight des Jahres!)

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Deborah Feldman

Unorthodox

Ich muß zugeben, mich vor dem Hören des Buches nur grob informiert zu haben, worum es geht. Ich habe in meinem Leben wenige Berührungspunkte mit dem Judentum. In meiner Gymnasialklasse war ein Mädchen Jüdin und ich erinnere mich, immer sehr neugierig gewesen zu sein, was bei ihr und in ihrer Familie anders ist, vorallem weil ich auf einem sehr strengen katholischen Gymnasium war. Geburtstagsfeiern bei ihr, hatten für mich immer etwas irgendwie Geheimnisvolles und Spannendes, weil die Familie zwar offenbar nicht streng ihren Glauben praktizierte, aber dennoch vieles für mich anders war. Generell übt der jüdische Glauben auf mich einen gewissen spirituellen Reiz aus, er hat etwas Mystischeres als mein eigener katholischer Glaube, der mich in meiner Jugend ängstigte, einschränkte und trotz einer recht „ungläubigen“ Familie auch behinderte.
Ich lese unheimlich gerne Bücher jüdischer Autoren, ich mag den jiddischen Humor und schätze den leichten Sarkasmus, der dieser Religion aus meiner Sicht immer ein wenig zu eigen ist.
Vor einigen Wochen war ich zum ersten Mal in New York und mir wurde dort auch zum ersten Mal bewusst, wie wenig ich über diese Religion weiß, natürlich konnte ich die gläubigen Männer mit ihren Schläfenlocken als jüdisch identifizieren, aber sie gehören hier in Deutschland halt nicht zum Bild der Bevölkerung und daher habe ich mich, die ich mich doch für so schrecklich liberal, offen und tolerant halte, tatsächlich beim Starren erwischt, sicher nicht unangenehm, eher neugierig und interessiert, zumindest hoffe ich das.
Hier in Köln gibt es die Möglichkeit an einem jüdischen Abend in der Synagoge mit koscherem Essen und interessanten Gesprächen teilzunehmen, das habe ich getan und bin auf sehr gebildete, weltoffene, interessierte und emanzipierte Menschen gestoßen, umso mehr hat mir Feldmans Buch die Augen geöffnet, dass die von mir so neugierig und interessiert betrachtete Religion auch ihre Fanatiker birgt und mein Eindruck, dass der Stand der Frau im Judentum eigentlich ein sehr eigenständiger ist, sich nicht auf jeden Zweig dieses Glaubens bezieht.
Ich muß ehrlich zugeben, einen Moment gebraucht zu haben, um festzustellen, dass der Text tatsächlich in der „Gegenwart“ bzw. nicht allzu fernen Vergangenheit spielt, wirklich bewußt wurde mir das erst, als ein Handy oder ein Computer erwähnt wird, vorher war ich der Meinung, wir befinden uns irgendwo in den 50er Jahren.
Mein Bild eines freien, nach Bildung strebenden und offenen Judentums erhielt während der Schilderungen einen argen Knick und ich weiß nicht, welche Naivität mich dazu verleitet hat zu glauben, gerade diese Religion sei frei von dem Fanatismus und Extremen, den es in allen anderen Religionen gibt und der mir gerade da auch durchaus bekannt ist, bin ich selbst doch auf eine Schule gegangen, die von katholischen Patern geführt wurde und in der ein zu tiefer Ausschnitt oder ein zu kurzer Rock durchaus dazu führten, dass meine Mutter nach dem Unterricht einen Anruf erhielt, bzw. in der noch wenige Jahre vor mir ausschließlich Jungen unterrichtet wurden.
Natürlich ist mir bewußt, dass Feldman in ihrer chassidischen Gemeinde Extremen ausgesetzt war, dass hier keineswegs der alltäglich jüdische Glaube gelebt wurde. Ich muß zugeben, die Begriffe Satmar, Chassiden und ultraorthodox natürlich zuvor gekannt zu haben und auch mir eingebildet zu haben, zu wissen, was sie bedeuten. Nach der Lektüre des Buches, weiß ich, dass ich nichts wußte… gar nichts.

Feldman berichtet, sachlich und doch emotional über ihr Frauwerden, ihre Sexualität und ihre Probleme, die sie vorallem wegen ihrer Erziehung und ihres Glaubens mit sich herumschleppt, sind schockierend und öffneten mir, die ich mich in meiner Filterbubble, in der Frauen alles werden können, was sie wollen, schließlich bin ich selbst relativ erfolgreich in einem Beruf, der an vielen anderen Orten (auch in Deutschland) noch in den meisten Fällen von Männern dominiert wird, in der Frauen sagen dürfen was sie wollen, lernen dürfen, was sie interessiert und in denen Sex und Verhütung ein Thema ist, das man durchaus offen thematisieren kann und in der man nicht in der Hochzeitsnacht plötzlich mit Problemen zu kämpfen hat, die weder einem selbst noch dem Partner bekannt sind, vorallem aber lebe ich in einer Welt, in der ich mir aussuchen darf, wer mein Partner ist, ob ich heirate und Kinder möchte und in der ich nicht darüber definiert werde, wie ich die Maßstäbe anderer erfülle, sondern ob ich ein netter Mensch bin oder nicht.
All diese meine eigentlich gar nicht so modernen aber für mich selbstverständlichen Denkweisen demontiert Feldman allein durch die Schilderung ihrer Jugend, ihrer lieblosen Verwandten, des Unverständnisses und der vielen Regeln, die ich bisher eher als Kann-Vorschriften aufgefaßt hatte, denn als wirklich strikte Verbote.
Feldman schreibt dabei eindringlich, intensiv und absolut unterhaltsam. Diese Geschichte ist keineswegs lediglich ein Leidensweg, es ist ein Weg der Befreiung und ein äußerst unterhaltsames und dramatisches Stück Zeitgeschichte, das sich als Hörbuch sehr gut hören ließ. Trotz der Länge kommt hier keine Langeweile auf, im Gegenteil Feldman schockiert, beschwichtigt, erklärt und rüttelt wach und Anita Hopt liest das ganze mit einer wunderbar angenehmen Stimme und einer sehr guten und ansprechenden Betonung und Umsetzung.

Mir hat dieses Buch vor allem für meine eigene Ignoranz und Naivität die Augen geöffnet, in der ich annahm, dass nur weil ich lediglich emanzipierte und fortschrittliche jüdische Gläubige kennengelernt habe, die ganze Religion eine sehr fortschrittliche sein müsste.
Ich habe Feldman mittlerweile in einigen Interviews gesehen und nachdem ich ihre Geschichte nun vermeintlich kenne, beeindruckt sie mich noch mehr. Eine sehr angenehme und starke Frau, die ihren Weg gegangen ist, obwohl eigentlich alles versucht hat, sie daran zu hindern und die zum Vorteil von uns allen auch noch in der Lage ist, diesen Weg mit einem gewissen wehmütigen Humor und einer spannenden Erzählweise zu schildern.

Unorthodox war für mich ganz klar das Buch des Jahres 2016. Bewegend, intensiv und erschreckend habe ich den Worten gelauscht und während ich unterhalten wurde, auch einiges über mich gelernt… Frau Feldman gehört für mich zu den wenigen sehr interessanten jungen Frauen, nicht nur durch das, was sie erlebt hat, sondern auch durch ihr Auftreten, ihre Erzählkunst und ihre klugen Anmerkungen, oder aber die Fähigkeit auch sich selbst einzugestehen Fehler zu machen, Wut zu zulassen oder Unbeherrschtheit Raum zu geben, denen ich gerne mal die Hand schütteln und mit denen ich ein paar Worte sprechen würde.

Hier geht es zu ihrer Homepage: Klick!

Der Krieg im Garten des Königs der Toten – Sascha Macht

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Puhu…einmal tief durchatmen und nachdenken, bevor ich mitteile, was mir zu dem Buch so einfällt. Denn erstmal ist das nicht viel oder doch eine Menge, ehrlich, ich weiß es nicht. Sascha Machts Roman „Der Krieg im Garten des Königs der Toten“ hat mich verwirrt, verstört, brüskiert und läßt mich am Ende ratlos zurück.

Aber beginnen wir vorne. Zunächst bin ich bei dem Klappentext eigentlich von einem irgendwie abgefahrenen Coming of Age Roman ausgegangen, etwas ähnlich abgedrehtes wie Augusten Burroughs „Krass“, eher weniger hatte ich dieses hochanspruchsvolle und wirklich komplizierte Stück Text erwartet, das ich letztlich geliefert bekam.

Bereits auf den ersten Seiten wurde klar, Coming of Age spielt hier keine Rolle, hier hat sich jemand sprachlich und gedanklich ausgetobt und testet aus, wie weit er gehen kann. Nun dafür schätze ich den Dumont Buchverlag, dass er eben auch solchen Autoren eine Möglichkeit zur Veröffentlichung bietet, Autoren, die sicher nicht die breite Masse ansprechen, sondern die verstören, irritieren und die nicht in der Lage sind einfach eine Geschichte von Anfang bis Ende zu erzählen, sondern die Kapriolen drehen müssen, rückwärts sprechen und dazu eine brutale harte und sexualisierte Sprache benutzen, die ganz bestimmt nicht bestsellertauglich ist. Sascha Macht ist ein solcher Autor, nicht eine Seite dieses Buches konnte ich lesen, ohne dass sich meine Augenbrauen hoben und ich dachte: „och wirklich?“ Zeitweise verlangte es mir nach den Genußmitteln, die der Autor beim Schreiben hoffentlich intus hatte, einfach um den Kopf nach diesen verschwurbelten Textstücken wieder in die Reihe zu bekommen. Interessanterweise hatte ich das Gefühl den Text besser zu verstehen, als ich gestern und vorgestern mit fast 40 Fieber im Bett lag.

Die Ottonormal-Leser steigen hier dann aus und sagen, warum tut man sich das an, eine Geschichte, die nicht richtig erzählt wird, eine Welt, die man nicht erklärt bekommt, Figuren, die man nicht begreifen kann, das wollen wir nicht. Gut, bitte gebt auf, zieht eurer Wege.
Ich schätze sowas ab und an wirklich sehr… es fordert mich heraus, es zieht meinen Geist beim Lesen auf eine andere Ebene, es gibt mir das Gefühl aus mir selbst heraus zu treten und in ein solches Buch zu schlüpfen. Dabei muß ich gar nicht begreifen, wie das alles sein kann, was Bruno erlebt, ob er träumt oder wach ist, ob er, diesen Gedanken konnte ich während des Lesens einfach nicht abschütteln, in Wirklichkeit gar tot ist und seine Erlebnisse einfache erdachte Begebenheiten, es reicht mir, mich an der Sprache und der Verrücktheit und Abgefahrenheit des Textes zu erfreuen. Dabei fällt mir jedoch niemand in meinem Freundes- oder Bekanntenkreis ein, der an diesem Buch die gleiche Freude hätte wie ich.
Diejenigen, die es genießen könnten, verstecken sich leider hinter einem gewissen Dünkel und verbieten jungen aufstrebenden Autoren ein solch experimentelles Stück Text, sie sollen erstmal was ordentliches Schreiben, bevor sie einen auf Kafka oder Joyce machen, musste ich mir schon bei meiner Empfehlung zu Dorothee Elmigers „Schlafgänger“ anhören.
Warum sollte das so sein?

Warum sollte nicht auch ein junger Autor einfach mal Sätze bauen, die lang wie Autobahnen sind, Begebenheiten schildern, die surreal und hart sind, sich einer Sexualität bedienen, die abstoßend und keineswegs romantisch ist, eine Geschichte bauen, die gegen jede sinnvolle Regel des Schreibens verstößt?

Mir hat das Buch wirklich einiges abverlangt, zwischenzeitlich wollte ich immer mal kurz aufgeben, zuklappen, weglegen, interessiert mich nicht sagen und trotzdem hab ich weitergelesen. Ich möchte nicht behaupten, verstanden zu haben was Sascha Macht ausdrücken wollte, ich frage mich auch, ob er selbst wirklich einen tieferen Sinn hinter seinen Worten sieht, oder ob er grinsend mit einer Banane in der Hand irgendwo steht und sich über die Leser kaputt lacht, die versuchen, das da zu interpretieren, zu analysieren, zu verstehen.

All das ist aber egal, denn dieses Buch hat trotz aller Enttäuschung, eben keinen Coming of Age Roman in den Händen zu halten, irgendwie Spaß gemacht. Noch mehr Freude hätte es mir vermutlich bereitet, wenn meine cineastische Bildung im Bezug auf Horrorfilme etwas tiefergehender wäre, aber so ist mir vermutlich so manche Anspielung einfach durchgegangen.

Fazit: Keine Empfehlung für Leser von schönen Geschichten, aber eine Empfehlung für Wortakrobaten und Leser, die es zu schätzen wissen, wenn sie auch mal etwas nicht begreifen.

 

(Es handelt sich um die Besprechung eines Rezensionsexemplars aus dem Dumont Verlag, was meiner objektiven Meinung jedoch keinerlei Abbruch tut. )

Winterdreieck – Julia Deck

Im März war es wieder soweit. Indie Book Day!

Ich bin also wie jedes Jahr in „meine“ Buchhandlung marschiert und habe mir das Tischlein angesehen, was dort schön jedes Jahr zu recht gemacht ist und auf dem ich all die schönen Bücher unabhängiger kleiner Verlage finde, die einem sonst in den großen Buchhandlungen, die sich mehr auf Beststeller und hohe Verkaufszahlen stützen, entgehen. Natürlich kaufe ich auch außerhalb des Indie Book Days Bücher aus dem Liebeskind Verlag oder auch den anderen kleinen unabhängingen Verlagen, am Indie Book Day zelebriere ich es aber mit noch mehr Freude und schaue, was die anderen Teilnehmer denn so gekauft haben. Außerdem entdecke ich jedes Jahr aufs Neue, kleine Verlage, die ich noch nicht kenne. So auch dies Jahr den Verlag Klaus Wagenbach kannte ich noch nicht. Auch wenn der Internetauftritt etwas angestaubt wirkt, gefällt mir das Programm sehr sehr gut.

Der Indie Book Day wird immer durch Aktionen begleitet. Es gibt auf Instagram Fotos zu den Errungenschafte, Tweets bei Twitter, Nachrichten bei Facebook und Gruppen dort.

Während ich mein Buch vom letzten Jahr noch immer nicht gelesen habe (Jajajaja, Asche auf mein Haupt. Ich lese zur Zeit viel zu wenig und stricke viel zu viel, ich weiß.) , habe ich mein Indie Book Day Buch in diesem Jahr letzte Woche gelesen. Ich muß gestehen, ich habe hier ein Buch gewählt, bei dem ich noch nicht sicher, war ob mich der Inhalt und die Aussage überzeugen konnten, das mir aber einfach von der optischen Aufmachung her so gut gefiel, dass ich nicht umhin kam es mitzunehmen. Rosa und Türkis lösen bei mir einfach immer Mädchenträume aus. Ich weiß, dass man so keine Bücher auswählt, ich mach das aber eben wohl. Und jetzt?

Julia Deck ist eine französische Autorin und die Franzosen haben es mir gerade bei Literatur häufig angetan, Virginie Despentes, Gregoire Delacourt habe ich mit Genuss verschlungen und ja, ich mag auch das Experiementielle. Bei mir muß ein Buch keine komplette Geschichte erzählen, es darf Regeln brechen, es darf Spielraum geben, es darf mich zu eigenen Überlegungen verleiten und genau das alles tut „Winterdreieck„.

Ich möchte daher gar nicht so viel verraten, in der Hauptsache geht es um eine junge Frau, die ihr Glück sucht, auf eine recht unfeministische und unkonventionelle Art, aus irgendeinem Grund hat sie mich an Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ oder „Sabrina“ erinnert. Sie ist ein bißchen naiv, ein wenig einfach strukturiert, egoistisch, ein wenig verrückt und trotzdem liebenswert.

Julia Decks Stil ist nüchtern bis kühl und so fällt es nicht ganz leicht für die Figuren etwas zu empfinden, als es bei mir dann aber soweit war, passierte das mit einem Knall. Dazu nutzt Frau Deck verschiedene Kniffe, sie tauscht die Zeiten, verdreht die Grammatik und letztlich bleibt es dem Leser überlassen zu deuten, was Zukunft, was Vergangenheit und was Realität und was Wunschtraum ist und wer ICH überhaupt ist.

Mir hat dieses Vage unheimlich gut gefallen, es drückt die Zerrissenheit und Verletzlichkeit unheimlich gut aus und überraschenderweise, auch wenn ich mich selbst gänzlich anders verhalten und auch charakterisieren würde, fand ich mich in diesem Buch wieder und konnte mich mit ihr identifizieren und litt mit ihr.

Winterdreieck ist keine klassische Liebesgeschichte, eigentlich nimmt Liebe einen nur sehr geringen Raum ein, es geht um unsere Gesellschaft, um Wünsche, Träume und für mich auch irgendwie um geistige Gesundheit, Trauer, Einsamkeit, Sex. Auch wechselt im Rahmen der Erzählung immer wieder die Perspektive, mal haben wir eine Ich-Erzählerin, mal beobachten wir als Leser aus der Ferne. Mir hat das ganze Buch wirklich sehr gut gefallen und auch, wenn ich die junge Frau ab und an schütteln wollte.

Allerdings rate ich wirklich jedem ab, der einfach auf der Suche nach einer guten Geschichte ist, denn das haben wir hier nicht. Hier haben wir einen sehr literarischen und anspruchsvollen recht unspezifischen Text, der eher die Leser zufrieden stellen wird, die gerne viel Raum für eigene Gedanken haben. IMG_0663[1]

Alles so leicht

11402963_857083664367424_6169729299716830479_n Link zum Buch: KLICK!

Wenn ich über ein Buch schreibe, in dem es um eine Essstörung geht, dann weiß, ich wovon ich schreibe. Ich hatte selbst lange Jahre ein sehr gestörtes Verhältnis zur Nahrungsaufnahme und habe sehr lange gebraucht, um Essen in der Art genießen zu können, wie ich es jetzt tue. Auch in meinem Umfeld gab es immer wieder Menschen, die an verschiedensten Formen der Essstörungen erkrankten, in tiefe Abgründe stürzten, sich herauskämpften oder damit zu leben lernten und leider auch eine, die den Kampf verlor. Dieses Buch zu lesen. war für mich also eine sehr persönliche Angelegenheit, ein Rückblick und teilweise auch ein recht schwerer Kampf. In manchen Szenen erkannte ich mich oder auch meine Freundinnen wieder, bringen einen Erinnerungen manchmal zum Lächeln, war das hier nicht immer der Fall. Ich habe tatsächlich sehr viel geweint beim Lesen, weil es der Autorin einfach sehr gut gelingt, das Gefühlsleben ihrer Mädels wieder zugeben, einen guten Blick in das Innerste nieder zu schreiben und dabei dennoch nicht pathetisch zu wirken. Hier geht es nicht darum, möglist drastisch zu schreiben, wie man sich die Zahnbürste am Besten in den Rachen rammt, damit auch wirklich der Brechreiz ausgelöst wird und man nicht nur ein wenig heraussabbert, sondern alles bis auf den letzten Rest erbricht. Hier geht es vorallem darum, Verständnis auszulösen, dass es gar nicht darum geht, schön zu sein, sondern um Wahrnehmung, um Ängste, um Schmerz und um Einsamkeit. Mir hat es sehr gefallen, wie die Autorin mit den unterschiedlichen Problemen ihrer Figuren umgeht, wie sie auch die Therapeuten nicht als allmächtige Wunderheiler, aber auch nicht als garstige fiese Monster darstellt. Vorallem hat mir die trotz aller Traurigkeit durchschimmernde Hoffnung gefallen. Der Kampf zu dieser Hoffnung und der Weg zu einer Heilung. Ein sehr gefühlvolles Buch, ein sehr drastisches, dabei aber rücksichtsvolles Buch.

Ich würde mir allerdings wirklich sehr genau überlegen, ob es das richtige Buch für eine Frau oder ein Mädchen mit einer akuten Essstörung ist. Für alle anderen absolut Daumen hoch, hier wird sehr realistisch dargestellt, wie man sich mit dieser Erkrankung fühlt, wie man lebt, wie man wahrnimmt und wie man denkt und kämpft, jeden Tag. Danke für diesen fantastischen Text.

Haruki Murakami – Von Männern, die keine Frauen haben

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Haruki Murakami

Von Männern, die keine Frauen haben

Dumont Verlag

Wer aufmerksam der Facebookseite gefolgt ist, der weiß, daß ich seit einigen Wochen die Kurzgeschichten von Murakami lese und wundert sich sicher schon, wo denn die Rezension zu diesem neusten Murakami bleibt.

Nun, ich habe mir Zeit gelassen, ich liebe Murakamis Art zu schreiben, seine Beschreibungen, seine Figuren, die immer etwas seltsam und dennoch erschreckend normal sind und darum wollte ich diesmal viel Zeit mit Ihnen verbringen, daher habe ich mich selbst gebremst, langsam gelesen, die Texte genossen und Murakamis Welt auf mich wirken lassen.

Es war ein phantastisches Leseerlebnis, wenn er seine Figuren in ihren einsamen und oft traurigen Leben beschreibt, wenn er sie dann doch etwas wunderschönes erleben oder in tiefe Abgründe fallen läßt, dann berührt das den Leser aufgrund von Murakamis ganz besonderer Erzählweise und Sprache in einer Art, die ich bei keinem anderen Autoren erlebt habe. Selbst in den Kurzgeschichten gelingt es Murakami den Leser so detailreich in die Situation zu ziehen, so präzise zu beschreiben, ohne dabei ausschweifend oder langatmig zu werden, daß es eine wahre Freude ist.

Ja, Murakamis Texte sind immer auch ein wenig bedrückend, deprimierend oder traurig, aber sie sind so echt, so nah und so einfühlsahm, daß sie mich immer wieder aufs neue beeindrucken.

In seinen Geschichten offenbart er eine Einsicht in unsere menschliche Psyche und eine Beobachtungsgabe, die seiner Erzählkunst in nichts nachsteht.

Ich hatte in diesem Jahr so sehr gehofft, daß der Literaturnobelpreis an ihn gehen würde, stattdessen ist er an einen Autoren gegangen, den ich bestenfalls nichtssagend finde. Sehr Schade, ich hoffe im nächsten Jahr, ist man da mehr auf der asiatischen Welle unterwegs.

Doch in diesem Buch sind nicht nur die Texte wunderschön, trotz ihrer Traurigkeit und Düsternis, nein dieses Buch hat auch einen einfach nur fantastisch schönen Umschlag. Es war mir jeden Abend eine Freude, mit den leuchtenden Farben in die Kissen zu sinken und zu schmökern.

Ich werde sowohl Umschlag als auch Texte in den nächsten Wochen vermissen…