Deborah Feldman – Unorthodox (Mein Hörbuch-Highlight des Jahres!)

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Deborah Feldman

Unorthodox

Ich muß zugeben, mich vor dem Hören des Buches nur grob informiert zu haben, worum es geht. Ich habe in meinem Leben wenige Berührungspunkte mit dem Judentum. In meiner Gymnasialklasse war ein Mädchen Jüdin und ich erinnere mich, immer sehr neugierig gewesen zu sein, was bei ihr und in ihrer Familie anders ist, vorallem weil ich auf einem sehr strengen katholischen Gymnasium war. Geburtstagsfeiern bei ihr, hatten für mich immer etwas irgendwie Geheimnisvolles und Spannendes, weil die Familie zwar offenbar nicht streng ihren Glauben praktizierte, aber dennoch vieles für mich anders war. Generell übt der jüdische Glauben auf mich einen gewissen spirituellen Reiz aus, er hat etwas Mystischeres als mein eigener katholischer Glaube, der mich in meiner Jugend ängstigte, einschränkte und trotz einer recht „ungläubigen“ Familie auch behinderte.
Ich lese unheimlich gerne Bücher jüdischer Autoren, ich mag den jiddischen Humor und schätze den leichten Sarkasmus, der dieser Religion aus meiner Sicht immer ein wenig zu eigen ist.
Vor einigen Wochen war ich zum ersten Mal in New York und mir wurde dort auch zum ersten Mal bewusst, wie wenig ich über diese Religion weiß, natürlich konnte ich die gläubigen Männer mit ihren Schläfenlocken als jüdisch identifizieren, aber sie gehören hier in Deutschland halt nicht zum Bild der Bevölkerung und daher habe ich mich, die ich mich doch für so schrecklich liberal, offen und tolerant halte, tatsächlich beim Starren erwischt, sicher nicht unangenehm, eher neugierig und interessiert, zumindest hoffe ich das.
Hier in Köln gibt es die Möglichkeit an einem jüdischen Abend in der Synagoge mit koscherem Essen und interessanten Gesprächen teilzunehmen, das habe ich getan und bin auf sehr gebildete, weltoffene, interessierte und emanzipierte Menschen gestoßen, umso mehr hat mir Feldmans Buch die Augen geöffnet, dass die von mir so neugierig und interessiert betrachtete Religion auch ihre Fanatiker birgt und mein Eindruck, dass der Stand der Frau im Judentum eigentlich ein sehr eigenständiger ist, sich nicht auf jeden Zweig dieses Glaubens bezieht.
Ich muß ehrlich zugeben, einen Moment gebraucht zu haben, um festzustellen, dass der Text tatsächlich in der „Gegenwart“ bzw. nicht allzu fernen Vergangenheit spielt, wirklich bewußt wurde mir das erst, als ein Handy oder ein Computer erwähnt wird, vorher war ich der Meinung, wir befinden uns irgendwo in den 50er Jahren.
Mein Bild eines freien, nach Bildung strebenden und offenen Judentums erhielt während der Schilderungen einen argen Knick und ich weiß nicht, welche Naivität mich dazu verleitet hat zu glauben, gerade diese Religion sei frei von dem Fanatismus und Extremen, den es in allen anderen Religionen gibt und der mir gerade da auch durchaus bekannt ist, bin ich selbst doch auf eine Schule gegangen, die von katholischen Patern geführt wurde und in der ein zu tiefer Ausschnitt oder ein zu kurzer Rock durchaus dazu führten, dass meine Mutter nach dem Unterricht einen Anruf erhielt, bzw. in der noch wenige Jahre vor mir ausschließlich Jungen unterrichtet wurden.
Natürlich ist mir bewußt, dass Feldman in ihrer chassidischen Gemeinde Extremen ausgesetzt war, dass hier keineswegs der alltäglich jüdische Glaube gelebt wurde. Ich muß zugeben, die Begriffe Satmar, Chassiden und ultraorthodox natürlich zuvor gekannt zu haben und auch mir eingebildet zu haben, zu wissen, was sie bedeuten. Nach der Lektüre des Buches, weiß ich, dass ich nichts wußte… gar nichts.

Feldman berichtet, sachlich und doch emotional über ihr Frauwerden, ihre Sexualität und ihre Probleme, die sie vorallem wegen ihrer Erziehung und ihres Glaubens mit sich herumschleppt, sind schockierend und öffneten mir, die ich mich in meiner Filterbubble, in der Frauen alles werden können, was sie wollen, schließlich bin ich selbst relativ erfolgreich in einem Beruf, der an vielen anderen Orten (auch in Deutschland) noch in den meisten Fällen von Männern dominiert wird, in der Frauen sagen dürfen was sie wollen, lernen dürfen, was sie interessiert und in denen Sex und Verhütung ein Thema ist, das man durchaus offen thematisieren kann und in der man nicht in der Hochzeitsnacht plötzlich mit Problemen zu kämpfen hat, die weder einem selbst noch dem Partner bekannt sind, vorallem aber lebe ich in einer Welt, in der ich mir aussuchen darf, wer mein Partner ist, ob ich heirate und Kinder möchte und in der ich nicht darüber definiert werde, wie ich die Maßstäbe anderer erfülle, sondern ob ich ein netter Mensch bin oder nicht.
All diese meine eigentlich gar nicht so modernen aber für mich selbstverständlichen Denkweisen demontiert Feldman allein durch die Schilderung ihrer Jugend, ihrer lieblosen Verwandten, des Unverständnisses und der vielen Regeln, die ich bisher eher als Kann-Vorschriften aufgefaßt hatte, denn als wirklich strikte Verbote.
Feldman schreibt dabei eindringlich, intensiv und absolut unterhaltsam. Diese Geschichte ist keineswegs lediglich ein Leidensweg, es ist ein Weg der Befreiung und ein äußerst unterhaltsames und dramatisches Stück Zeitgeschichte, das sich als Hörbuch sehr gut hören ließ. Trotz der Länge kommt hier keine Langeweile auf, im Gegenteil Feldman schockiert, beschwichtigt, erklärt und rüttelt wach und Anita Hopt liest das ganze mit einer wunderbar angenehmen Stimme und einer sehr guten und ansprechenden Betonung und Umsetzung.

Mir hat dieses Buch vor allem für meine eigene Ignoranz und Naivität die Augen geöffnet, in der ich annahm, dass nur weil ich lediglich emanzipierte und fortschrittliche jüdische Gläubige kennengelernt habe, die ganze Religion eine sehr fortschrittliche sein müsste.
Ich habe Feldman mittlerweile in einigen Interviews gesehen und nachdem ich ihre Geschichte nun vermeintlich kenne, beeindruckt sie mich noch mehr. Eine sehr angenehme und starke Frau, die ihren Weg gegangen ist, obwohl eigentlich alles versucht hat, sie daran zu hindern und die zum Vorteil von uns allen auch noch in der Lage ist, diesen Weg mit einem gewissen wehmütigen Humor und einer spannenden Erzählweise zu schildern.

Unorthodox war für mich ganz klar das Buch des Jahres 2016. Bewegend, intensiv und erschreckend habe ich den Worten gelauscht und während ich unterhalten wurde, auch einiges über mich gelernt… Frau Feldman gehört für mich zu den wenigen sehr interessanten jungen Frauen, nicht nur durch das, was sie erlebt hat, sondern auch durch ihr Auftreten, ihre Erzählkunst und ihre klugen Anmerkungen, oder aber die Fähigkeit auch sich selbst einzugestehen Fehler zu machen, Wut zu zulassen oder Unbeherrschtheit Raum zu geben, denen ich gerne mal die Hand schütteln und mit denen ich ein paar Worte sprechen würde.

Hier geht es zu ihrer Homepage: Klick!

Frauen bereisen die Welt – Hörbuch

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Ich habe dieses Hörbuch als Rezensionsexemplar vom Audiobuchverlag erhalten und mich unwahrscheinlich darüber gefreut, da ich wirklich sehr gerne Reiseberichte höre. Die CDs kommen in einem normalen Doppel-Jewel-Case daher und sind praktisch und gut zu handhaben auch während der Autofahrt.

Die Autorinnen dieser Berichte sind Therese von Bayern (forschte im Amazonasgebiet), Isabella Bird (ritt durch die Rocky Mountains), Elisabeth von Heyking (lebte in China), Bertha Pappenheim (besuchte St. Petersburg), Johanna Schoppenhauer (bereiste England), Annemarie Schwarzenbach (lebte in Persien/Shiraz), Mary French Sheldon (reiste zu den Massai), Gertrude Bell (reiste durch die syrische Wüste), Ida Pfeiffer (umrundete die Welt). Jeder einzelne Bericht besitzt dabei seinen eigenen Charme und alle diese Damen haben zu Zeiten gelebt, als reisende und entdeckende Damen noch nicht der Normalität angehörten und haben sich trotzdem allen Widrigkeiten widersetzt. Der ein oder andere Bericht wirkt daher ein wenig angestaubt, was die emanzipatorischen Gedanken oder auch die Überlegungen zu den Menschen verschiedenster Art anbelangt. Als wirklich rassistisch würde ich keinen der Texte einstufen, im Gegenteil, aber der Sprachgebrauch der Damen ist halt manchmal noch ein anderer als wir ihn heute wählen würden. Ich fand allerdings auch gerade das sehr interessant und spannend zu beobachten, wie sich unser Blick auf die Welt und ihre Bewohner in wenigen Jahrzehnten/Jahrhunderten gewandelt hat.

Bei den Texten merkt man relativ rasch, auch wenn einem die berichtende Damen vielleicht unbekannt ist, in welcher Zeit man sich vermutlich bewegt und dennoch sind auch manche Problematiken auch heute noch Gegenstand von Diskussionen, die reisende Frauen führen müssen.

Alle Berichte sind ausnahmslos spannend und interessant geschrieben, hier hat man keine langweiligen Tagebucheinträge vor sich, sondern Erzählungen von Frauen, die wirklich Spannendes erlebt haben und die auch noch gekonnt davon berichten konnten. Es wird jedoch nicht nur über die Erlebnisse der Reisen gesprochen, ein großer Teil der Texte befasst sich auch mit der damaligen Gesellschaft, den Anforderungen und Erwartungen und dem Selbstbild der reisenden Damen, das war hochinteressant und vorallem in der Auswahl der Texte, die sich gegenseitig ergänzten, sehr gelungen.

Die Texte werden von unterschiedlichen Sprecherinnen gesprochen, so dass man bereits an der neuen Stimme merkt, dass es sich um eine neue Erzählerin handelt. Alle Sprecherinnen liefern eine gute und solide Sprechleistung ab, kein Gestotter kein Gestammel, ordentliche und angemessene nicht zu theatralische Betonungen und eine sehr gute Tonqualität machen das Hörbuch zu einem wirklichen Hörgenuss.

Ich habe die Damen bei ihren Reisen sehr gerne begleitet und fühlte mit ihnen, saß mit auf dem Floß im Amazonas, auf den Kamelen der Karawane und habe die Angst vor den kriegerischen Massai fast selbst körperlich gespürt. Selten hat mich ein Hörbuch so beeindruckt und mitgerissen. Das Interesse der Frauen an ihrem Umfeld und die Neugier, die die meisten von ihnen angetrieben hat, ist mit jedem Wort zu spüren und macht das Hören der Geschichten wirklich interessant.

Sei es der Antrieb zu soziologischen oder anthropologischen Forschungen, die Damen hatten alle samt eine sehr gute Beobachtungsgabe und so gelingt es selbst mit wenigen Worten, die Situationen lebensnah und spannend zu schildern. Leider sind die Texte merklich gekürzt. Die kompletten Berichte als Printausgaben findet man hier.

Therese Prinzessin von Bayern:  Meine Reise in den brasilianischen Tropen

Isabella Lucy Bird: Leben einer Dame in den Felsengebirgen, aus dem Englischen übertragen. 1 Bd.

Ida Pfeiffer: Eine Frauenfahrt um die Welt: Reise von Wien nach Brasilien, Chili, Otahiti, China, Ost-Indien, Persien und Kleinasien. 

Gertrude Bell: Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens. Reiseschilderungen.

Isabella Lucy Bird: Unbetretene Reisepfade in Japan; Band 1 und 2

Elisabeth von Heyking: Tagebücher aus vier Weltteilen

Bertha Pappenheim: Sisyphus: Gegen den Mädchenhandel – Galizien (Vollständige Ausgabe): Eine Studie über Mädchenhandel und Prostitution in Osteuropa und dem Orient

Johanna Schopenhauer: Reise durch England und Schottland

Annemarie Schwarzenbach: Winter in Vorderasien: Tagebuch einer Reise

Mary French Sheldon: Sultan to Sultan. Adventures among the Masai and other tribes of Africa  (Hier habe ich leider nur eine englische Ausgabe gefunden)

Für mich auf jeden Fall ein Anlass den ein oder anderen Bericht komplett zu lesen und zu genießen. Besonders gut hat mir tatsächlich der Bericht von Mary French Sheldon gefallen, die als Bibi Bwana die Gebiete der Massai in Afrika durchquert, aber auch die vermeintlich weniger spektakuläre Reise durch England und Schottland von Schopenhauers Mutter Johanna war durchaus hörenswert und bot die ein oder andere spannende Beobachtung.

Grundsätzlich würde ich mich über eine Fortsetzung dieser Reiseberichtreihe sehr freuen.

Der Bruder von Joakim Zander

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Ich habe vor einiger Zeit bereits Joakim Zanders Buch „Der Schwimmer“ als Hörbuch gehört, daher hab ich mich sehr gefreut, dass ich vom Audiobuchverlag auch sein nächstes Buch als Hörbuch erhalten habe.

Der Bruder“ hat zwar hier und dort Berührungspunkte und bedient sich einiger Figuren aus „Der Schwimmer“ ich würde es aber eher nicht so richtig als zweiten Teil bezeichnen, sondern behaupten, dass man beide Bücher auch unabhängig von einander lesen kann, ohne Informationsverlust zu haben. Schöner ist es aber natürlich, wenn man altbekannte Figuren wieder erkennt.

Joakim Zander schafft es auch hier wieder sehr lebendige Figuren zu erschaffen und auch wenn ich nicht immer, der Meinung war, dass die Figuren klug handelten, waren ihre Beweggründe doch zu verstehen und nachvollziehbar erklärt.

Interessant fand ich hier vorallem die Entwicklungen der radikalisierten Jugendlichen in den Vororten und auch die Strippenzieher im Hintergrund, bei der Auflösung macht es sich Herr Zander aus meiner Sicht ein wenig zu leicht und schiebt die Schuld in eine Richtung, die zwar in dieser Geschichte durchaus treffend und richtig ist, die aber sicher nicht als Standarderklärung für jegliche Radikalisierung herhalten dürfte. Das fand ich etwas schade und dafür, dass er sonst sehr schattiert und vielschichtig erzählt, wird es hier dann ein wenig eindimensional und simple. Damit kann ich aber durchaus leben und es verdirbt mir nicht das Buch, denn das ist durchaus unterhaltsam, rasant und schnell erzählt und zieht Dank mehrerer Erzählstränge den Zuhörer rasch in einen Sog.

Ein wenig Schade fand ich allerdings auch hier, dass die Übersetzung unwahrscheinlich schlecht war. Immer dann wenn es um Waffen geht, hatte der oder die Übersetzer (leider war es mir trotz intensiver Recherche nicht möglich herauszufinden, wer das verbrochen hat) eine fast schon naive Ahnungslosigkeit. Wenn Yasmin mal eben das Maschinengewehr durch die Stadt schleppt, wenn eigentlich vermutlich von einer Maschinenpistole oder etwas handlicherem die Rede ist, dann zerstört das beim sachkundigen Leser leider komplett das Bild im Kopf. Das hatte mich bereits bei „Der Schwimmer“ gestört, hier wurde es leider wirklich sehr störend und lästig. Ich verstehe nicht, was so schwer daran ist, da dann mal kurz wen drüber lesen zu lassen, der immerhin eine vage Ahnung hat, wie man welche Waffen bezeichnet und dem die Absurdität eines mal eben so unterm Mantel mitgeführten Maschinengewehrs auffällt. Ein wenig schade fand ich auch die etwas eindimensionale Darstellung der handelnden Geheimdienstler / Polizisten, das war mir etwas zu verkürzt dargestellt, liegt aber vermutlich hier an der gekürzten Hörbuchfassung.

Wer sich an solchen Feinheiten nicht stört und einen gut gemachten und konstruierten Krimi/Thriller lesen oder hören will, der wird hier gut unterhalten.

Dirk Petrick und Ulirke Hübschmann liefern hier eine sehr gute Leseleistung ab und hauchen den Figuren Leben ein ohne zu theatralisch zu erzählen sondern bestechen durch eine nüchterne Sachlichkeit, das hat mir sehr gut gefallen.

 

Unterleuten – Juli Zeh

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Niemals hätte ich mir in der letzten Zeit ein Buch von Juli Zeh freiwillig gekauft, ausgesucht, gelesen. NIE!
Frau Zeh geht mir, fand ich sie früher doch mal irgendwie gut, mittlerweile gehörig auf den Geist. Omnipräsent und zu allem eine Meinung, die sich in den seltensten Fällen mit meiner deckt und ein Diskussionsverhalten, dass mich schlicht stört. Überheblich, milde lächelnd sitzt sie in den Talkrunden und verursacht mir Unwohlsein, selbst wenn ich dann einmal mit ihrer Meinung konform gehe, ärgere ich mich über sie.
Unterleuten wurde aber nun mal grandios besprochen, um mich herum äußerten die Leute, das musst du lesen, das musst du WIRKLICH lesen, das ist genau dein Ding.
Mich durchringen das Buch zu kaufen, konnte ich trotzdem nicht. Als dann aber mein Audible-Tag anstand und ich so keine Idee hatte, was ich denn als nächstes Hören wollte, da kam mir Unterlleuten vor den Klickfinger und wenig drüber nachgedacht, einfach mal geklickt. Es dauerte dann noch etwas, bis ich mich tatsächlich entschloss los zu hören und dann wurde ich tatsächlich überrascht.

Dieses Hörbuch ist sehr gut produziert und ansprechend gelesen von Helene Grass, die mir bislang als Sprecherin nicht bewusst in Erinnerung geblieben ist, hier aber eine sehr gute Leseleistung abliefert und der ich gerne zugehört habe. Ihre Stimme ist angenehm und die Betonung treffend. Es machte wirklich Spaß ihr zu zuhören.

Die Geschichte an sich fängt sehr gemächlich an, die Personen werden zunächst ohne wirklich erkennbaren Zusammenhang vorgestellt und jeder einzelne Erzählstrang wird nur langsam zusammen geführt. Das war aber durchaus geschickt konstruiert und führte bei mir keineswegs zu Ungeduld oder Langeweile, denn jede Seite der Geschichte ist durchaus spannend und erzählenswert.
Unterleuten, das kleine Kaff mit seinen Einwohnern, Problemen, Fehden und Intrigen ist liebenswert und dennoch verstörend, wohne ich selbst doch ebenfalls in einem Dorf mit zwei Kneipen, einem Bäcker und nicht viel mehr drum herum, konnte ich mich in die Situationen teilweise sehr gut hineinversetzen, fühlte mich an so manche dörfliche Begebenheit durchaus erinnert, wenn dies natürlich auch im Buch deutlich überzeichnet, aber eben unterhaltsam und glaubwürdig dargestellt wurde.
Einziger kleiner Aufreger für mich war die stereotype Darstellung der Ordnungshüter im Text, beim ersten Mal sind die pickeligen jungen und nicht ernstzunehmenden Uniformträger vielleicht ganz witzig, beim zweiten und dritten Mal hat sich das Bild aber abgenutzt und ich hätte Frau Zeh eine etwas kreativere Erklärung zugetraut, warum hier von staatlicher Seite keine Reaktion erfolgt.
Die ersten 3/4 des Buches haben mich unheimlich gut unterhalten, ich habe mit geknobelt, mit gehofft, mit gebangt und meine Idee gehabt, wer da mit wem und wie und warum herummauschelt.
Das letzte Viertel war für meinen Geschmack dann etwas zu klamaukig und platt, hier hätte ich mir eine etwas feinere und nicht so holzhammerige Lösung für so manchen Erzählstrang gewünscht. Trotzdem konnte ich mit den Abschlüssen aller Fäden durchaus leben und fand manchen sogar überraschend und gut.

Grundsätzlich bin ich von Unterleuten also recht angetan, zu meiner eigenen Überraschung. Vorallem hat es mir gefallen, wie differnziert hier die unterschiedlichen Meinungen, Motivationen und Denkstrukturen der Personen dargestellt wurden und es dem Leser überlassen wurde Sympathien und Antipathien zu bilden, ich mag es sehr, wenn die Charaktere nicht nur gut oder böse sind und man sich als Leser selbst entscheiden kann, wessen Verhalten man gut heißt und wessen man eher fragwürdig findet.

Als Hörbuch hat mich Unterleuten sehr gut unterhalten, trotz der Länge war es zu keinem Zeitpunkt zäh oder langweilig und jeder Satz hatte seine Berechtigung. Mir scheint, obwohl ich Frau Zeh immer noch nicht sonderlich schätze, könnte es zumindest doch so sein, dass ich ihre Art zu Erzählen und ihren Schreibstil mag, was mich überrascht. Das kann man ja dann durchaus auch anerkennen…

Besonders nett finde ich übrigens die Homepage und die angelegten Facebookprofile der Personen… Klick!

Nicole Jäger – Die Fettlöserin

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Ich gehöre mit meinen knapp 50 kg ganz sicher nicht zur Zielgruppe der Autorin. Weder hatte ich in meinem Leben jemals ernstzunehmende Figurprobleme, noch werde ich sie in diesem Maße jemals haben.
Dafür bin ich dankbar. Trotzdem war ich an dem Hörbuch sehr interessiert, nachdem ich Frau Jäger kurz in einem Interview im Fernsehen gesehen hatte.
Sie machte einen lebensbejahenden, fröhlichen, frischen und eloquenten Eindruck, sie kann auch vor der Kamera mehr als 3 Sätze geradeaus sprechen und ich fand sie wirklich witzig.
Da ich mir also wirklich nicht vorstellen kann, wie man es schafft, sich ein Gewicht von 7Mal mir (ok nicht ganz) anzufuttern und dann 3Mal mir (ok etwas mehr) abzunehmen, wollte ich dieses Hörbuch hören, obwohl ich weder so viel abnehmen will, noch diese Thematik mich sonst beschäftigt. Ich war einfach neugierig, was da nun schon wieder als die ultimative Lösung präsentiert werden sollte.
Überrascht war ich daher bereits beim Vorwort, dass das hier gar kein Abnehmbuch im eigentlichen Sinne sein sollte, dass hier keine Lösung präsentiert wurde und dass ich mich trotzdem bereits nach wenigen Minuten des Zuhörens, irgendwie bereichert fühlte.
Zwar stellte Frau Jäger mich die ersten 3-5 Minuten auf eine harte Probe, da hätte ich das Buch nämlich am Liebsten kurz aus dem Fenster geschmissen, weil sie so betont und intensiv spricht, als käme sie gerade vom Logopäden und wolle nun zeigen, was sie da so alles über das verständliche Sprechen gelernt habe. Glücklicherweise legt sich das aber sehr rasch, das Verkrampfte verschwindet und übrig bleibt eine lockere und gut gelaunte, durchaus sympathische Stimme, die mir ihre Erfahrungen schildert.
Ehrlich und  ungeschönt wird da erzählt, was Dicke so alles auf sich nehmen müssen, wenn sie denn dann tatsächlich endlich soweit sind, zu erkennen, dass sie Hilfe brauchen und sich diese dann auch noch suchen.
Ja, ich gebe zu, so als Dünne hatte ich durchaus ab und zu das Gefühl ein wenig voyeuristisch herumzuspannen, aber ich fand es interessant. Es hat mir geholfen die ganzen wirklichen Figurprobleme, die es ja auch in meinem Umfeld durchaus gibt, wenn auch in deutlich anderem Ausmaß mit anderen Augen zu sehen.
Als jemand, der eben dann halt mal ne Fastenwoche einlegt, wenn die Jeans etwas zwickt oder halt dann doch nochmal den Hintern in den Wald bewegt, wenn das Kleidchen nicht mehr ganz so schön fällt, fehlte mir komplett das Verständnis und der Einblick in das Dilemma, wenn man wirklich fett ist (sorry, aber anders kann man es wohl kaum nennen.) Wenn es schon eine Anstrengung bedeutet, den Po vom Sofa zu erheben oder die Wohnung zu verlassen.
Frau Jäger berichtet hier frisch von der Seele weg, in einem angenehmen ironischen Stil, der wirklich auch auf die ganze Dauer des Hörbuches unterhaltsam ist. Ja, auch Nicole Jäger jammert zwischendurch mal ein wenig und hier und da hätte ich sie schütteln wollen und sagen, mein Gott Kindchen, lass dich doch einfach nicht so gehen, aber das weiß sie selbst, dazu braucht sie mich nicht. Hier und da fühlte auch ich mich ertappt, wenn sie von Begegnungen im Supermarkt erzählt, bei denen Sie schief angesehen wird, denn ich gebe zu, auch ich habe schon mal gedacht, wenn jemand wirklich Dickes auch noch 10 Tüten Chips in den Einkaufswagen lud: „Mein Gott, brauchst du die wirklich auch noch?“
Frau Jäger präsentiert keine optimal Lösung fürs Abnehmen, sie nennt keine Diät, sie sorgt dafür, dass andere das Gefühl kriegen, das auch schaffen zu können, dass andere das Gefühl kriegen nicht alleine zu sein, dass andere merken, es geht, man muß nur wollen, wirklich wollen und das kann sie gut.
Sie wirkt motivierend, intensiv und wirklich sehr sympathisch.
Ich kann mir auch nach dem Hörbuch wirklich nicht vorstellen, wie viel man essen muß um tatsächlich solche Gewichtszahlen zu erreichen, aber ich erkenne, dass sich das niemand bewusst aussucht und dass es leider wirklich keine Hilfe ist, dann auch noch schräg zu gucken oder hilfreich gemeinte und unwahrscheinlich ehrliche aber trotzdem verletzende Bemerkungen zu machen.
Ich erkenne, dass ein positives Herangehen an die Thematik, durchaus möglich ist.

Mich hat das Hörbuch wirklich gut unterhalten und natürlich hört sich das erstmal einfach an: Du mußt nur wollen und deinen Weg finden.
Aber genau das trifft es.
Ich würde das Buch also nicht nur Abnehmwilligen empfehlen, sondern durchaus auch Menschen wie mir, denen so oft das Verständnis für diese Situation gänzlich fehlt.
Für mich war es eine durchaus angenehme Erweiterung meines Horizonts.
Danke dafür!

 

HP von Nicole Jäger: KLICK!

Erschienen im Audiobuchverlag!