Frauen bereisen die Welt – Hörbuch

unbenannt

Ich habe dieses Hörbuch als Rezensionsexemplar vom Audiobuchverlag erhalten und mich unwahrscheinlich darüber gefreut, da ich wirklich sehr gerne Reiseberichte höre. Die CDs kommen in einem normalen Doppel-Jewel-Case daher und sind praktisch und gut zu handhaben auch während der Autofahrt.

Die Autorinnen dieser Berichte sind Therese von Bayern (forschte im Amazonasgebiet), Isabella Bird (ritt durch die Rocky Mountains), Elisabeth von Heyking (lebte in China), Bertha Pappenheim (besuchte St. Petersburg), Johanna Schoppenhauer (bereiste England), Annemarie Schwarzenbach (lebte in Persien/Shiraz), Mary French Sheldon (reiste zu den Massai), Gertrude Bell (reiste durch die syrische Wüste), Ida Pfeiffer (umrundete die Welt). Jeder einzelne Bericht besitzt dabei seinen eigenen Charme und alle diese Damen haben zu Zeiten gelebt, als reisende und entdeckende Damen noch nicht der Normalität angehörten und haben sich trotzdem allen Widrigkeiten widersetzt. Der ein oder andere Bericht wirkt daher ein wenig angestaubt, was die emanzipatorischen Gedanken oder auch die Überlegungen zu den Menschen verschiedenster Art anbelangt. Als wirklich rassistisch würde ich keinen der Texte einstufen, im Gegenteil, aber der Sprachgebrauch der Damen ist halt manchmal noch ein anderer als wir ihn heute wählen würden. Ich fand allerdings auch gerade das sehr interessant und spannend zu beobachten, wie sich unser Blick auf die Welt und ihre Bewohner in wenigen Jahrzehnten/Jahrhunderten gewandelt hat.

Bei den Texten merkt man relativ rasch, auch wenn einem die berichtende Damen vielleicht unbekannt ist, in welcher Zeit man sich vermutlich bewegt und dennoch sind auch manche Problematiken auch heute noch Gegenstand von Diskussionen, die reisende Frauen führen müssen.

Alle Berichte sind ausnahmslos spannend und interessant geschrieben, hier hat man keine langweiligen Tagebucheinträge vor sich, sondern Erzählungen von Frauen, die wirklich Spannendes erlebt haben und die auch noch gekonnt davon berichten konnten. Es wird jedoch nicht nur über die Erlebnisse der Reisen gesprochen, ein großer Teil der Texte befasst sich auch mit der damaligen Gesellschaft, den Anforderungen und Erwartungen und dem Selbstbild der reisenden Damen, das war hochinteressant und vorallem in der Auswahl der Texte, die sich gegenseitig ergänzten, sehr gelungen.

Die Texte werden von unterschiedlichen Sprecherinnen gesprochen, so dass man bereits an der neuen Stimme merkt, dass es sich um eine neue Erzählerin handelt. Alle Sprecherinnen liefern eine gute und solide Sprechleistung ab, kein Gestotter kein Gestammel, ordentliche und angemessene nicht zu theatralische Betonungen und eine sehr gute Tonqualität machen das Hörbuch zu einem wirklichen Hörgenuss.

Ich habe die Damen bei ihren Reisen sehr gerne begleitet und fühlte mit ihnen, saß mit auf dem Floß im Amazonas, auf den Kamelen der Karawane und habe die Angst vor den kriegerischen Massai fast selbst körperlich gespürt. Selten hat mich ein Hörbuch so beeindruckt und mitgerissen. Das Interesse der Frauen an ihrem Umfeld und die Neugier, die die meisten von ihnen angetrieben hat, ist mit jedem Wort zu spüren und macht das Hören der Geschichten wirklich interessant.

Sei es der Antrieb zu soziologischen oder anthropologischen Forschungen, die Damen hatten alle samt eine sehr gute Beobachtungsgabe und so gelingt es selbst mit wenigen Worten, die Situationen lebensnah und spannend zu schildern. Leider sind die Texte merklich gekürzt. Die kompletten Berichte als Printausgaben findet man hier.

Therese Prinzessin von Bayern:  Meine Reise in den brasilianischen Tropen

Isabella Lucy Bird: Leben einer Dame in den Felsengebirgen, aus dem Englischen übertragen. 1 Bd.

Ida Pfeiffer: Eine Frauenfahrt um die Welt: Reise von Wien nach Brasilien, Chili, Otahiti, China, Ost-Indien, Persien und Kleinasien. 

Gertrude Bell: Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens. Reiseschilderungen.

Isabella Lucy Bird: Unbetretene Reisepfade in Japan; Band 1 und 2

Elisabeth von Heyking: Tagebücher aus vier Weltteilen

Bertha Pappenheim: Sisyphus: Gegen den Mädchenhandel – Galizien (Vollständige Ausgabe): Eine Studie über Mädchenhandel und Prostitution in Osteuropa und dem Orient

Johanna Schopenhauer: Reise durch England und Schottland

Annemarie Schwarzenbach: Winter in Vorderasien: Tagebuch einer Reise

Mary French Sheldon: Sultan to Sultan. Adventures among the Masai and other tribes of Africa  (Hier habe ich leider nur eine englische Ausgabe gefunden)

Für mich auf jeden Fall ein Anlass den ein oder anderen Bericht komplett zu lesen und zu genießen. Besonders gut hat mir tatsächlich der Bericht von Mary French Sheldon gefallen, die als Bibi Bwana die Gebiete der Massai in Afrika durchquert, aber auch die vermeintlich weniger spektakuläre Reise durch England und Schottland von Schopenhauers Mutter Johanna war durchaus hörenswert und bot die ein oder andere spannende Beobachtung.

Grundsätzlich würde ich mich über eine Fortsetzung dieser Reiseberichtreihe sehr freuen.

Was wir nicht wußten – Tarashea Nesbit

 

Unbenannt

Tarashea Nesbit

Dumont Buchverlag

Dieses Buch der Frauen von „Los Alamos“ hat mich sehr gereizt, ein wenig historisch interessiert, ein bisschen sensationslüstern und natürlich schlichtweg neugierig war ich, wie diese Geschichte, die bislang in literarischer Form meines Wissens nach noch nicht bearbeitet wurde, wohl erzählt werden würde.
Dass es nicht einfach sein würde, diese Geschichte zu erzählen, ohne zu werten, ohne zu verurteilen, ohne skeptisch zu sein, ohne zu bejubeln, war mir klar.
Dass Frau Nesbit aber diesen eigenwilligen Weg der Erzählung in der Wir-Form gewählt hat, überraschte mich sehr. Die ersten paar Seiten dachte ich noch, „ist das jetzt ihr Ernst?“ und dann ließ ich mich darauf ein und dachte einfach nur noch „GRANDIOS!“ Durch ihre distanzierte Schilderung weckt sie beim Leser die Möglichkeit, selbst in die Rolle dieser Frauen zu schlüpfen und zwar nicht in irgendeine, sondern in alle jene, deren Schuhe einem passen. Kann man sich mit den aufgeregten etwas neurotischen Hühnern nicht so recht anfreunden, dann ist man halt die zupackende Macherin mit Hochschulabschluss, fühlt man sich dort nicht erkannt, kann man auf die Gedanken der mütterlichen etwas älteren Matrone zurück greifen. Durch ihr Wir gelingt es Tarashea Nesbit, die Geschichte dieser Frauen auf einmal und in einem Stück und aus jedem Blickwinkel zu beleuchten. Es werden Ängste genannt und Gegenmaßnahmen, es werden die Neugierigen erwähnt und die lethargisch schweigenden. Es wird deutlich, wie zerrissen man ist, als den Frauen und ihren Kindern bewußt wird, was sie und ihre Männer dort eigentlich getan haben.
Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dieser Erzählstil der weniger der einer Erzählung ist, nicht jeden überzeugen mag, nicht jedem gefällt, der gerne eine komplette Geschichte lesen möchte. Eine Geschichte, bei der er nicht selbst denken muß und in der alles schön schwarz weiss ist. Hier ist allerdings nichts schwarz weiss, hier ist alles sehr farbig, sehr schattiert, sehr abgründig, sehr intensiv.
Ich habe mich selten von einem Buch, das sich auf ein reales historisches Ereignis bezieht so angesprochen gefühlt. Selten wurden mir die Gedanken und Gefühle der agierenden Personen so nahe gebracht, selten die Unterschiedlichen Menschen so klar dargestellt.
Ich bin von diesem Buch absolut begeistert, es hat mich viele Tage lang begleitet und mich zum Nachdenken angeregt, mir aufgezeigt, wie unterschiedlich wir Menschen in unseren Gedanken, Gefühlen und Zielen sind und gerade in der heutigen Zeit, ist es ein wichtiges Buch, weil es zeigt, dass man die unterschiedlichen Gefühle und Ansichten der Menschen akzeptieren muß, dass man sie nun mal nicht ändern kann, wie es einem paßt und dass man manchmal auch in Dinge einfach so hereinrutscht, sie erst später begreift und mit ihren Folgen dann leben muß. Sie akzeptieren muß und sich vielleicht auch für das was man getan oder ausgelöst hat, entschuldigen muß.
Aus meiner Sicht hat Tarashea Nesbit hier einen ganz großen Roman unserer Zeit abgeliefert und ich würde wirklich wünschen, dass diesen Mut zu einem neuen Stil, einer neuen Art und einem literarischen Experiment sehr viel mehr Schriftsteller unserer Zeit hätten. Dies hier ist aus meiner Sicht, nämlich sehr gelungen und hat mir beim Lesen Freude bereitet und mich mehr als gut unterhalten und angeregt!
Danke dafür!