Deborah Feldman – Unorthodox (Mein Hörbuch-Highlight des Jahres!)

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Deborah Feldman

Unorthodox

Ich muß zugeben, mich vor dem Hören des Buches nur grob informiert zu haben, worum es geht. Ich habe in meinem Leben wenige Berührungspunkte mit dem Judentum. In meiner Gymnasialklasse war ein Mädchen Jüdin und ich erinnere mich, immer sehr neugierig gewesen zu sein, was bei ihr und in ihrer Familie anders ist, vorallem weil ich auf einem sehr strengen katholischen Gymnasium war. Geburtstagsfeiern bei ihr, hatten für mich immer etwas irgendwie Geheimnisvolles und Spannendes, weil die Familie zwar offenbar nicht streng ihren Glauben praktizierte, aber dennoch vieles für mich anders war. Generell übt der jüdische Glauben auf mich einen gewissen spirituellen Reiz aus, er hat etwas Mystischeres als mein eigener katholischer Glaube, der mich in meiner Jugend ängstigte, einschränkte und trotz einer recht „ungläubigen“ Familie auch behinderte.
Ich lese unheimlich gerne Bücher jüdischer Autoren, ich mag den jiddischen Humor und schätze den leichten Sarkasmus, der dieser Religion aus meiner Sicht immer ein wenig zu eigen ist.
Vor einigen Wochen war ich zum ersten Mal in New York und mir wurde dort auch zum ersten Mal bewusst, wie wenig ich über diese Religion weiß, natürlich konnte ich die gläubigen Männer mit ihren Schläfenlocken als jüdisch identifizieren, aber sie gehören hier in Deutschland halt nicht zum Bild der Bevölkerung und daher habe ich mich, die ich mich doch für so schrecklich liberal, offen und tolerant halte, tatsächlich beim Starren erwischt, sicher nicht unangenehm, eher neugierig und interessiert, zumindest hoffe ich das.
Hier in Köln gibt es die Möglichkeit an einem jüdischen Abend in der Synagoge mit koscherem Essen und interessanten Gesprächen teilzunehmen, das habe ich getan und bin auf sehr gebildete, weltoffene, interessierte und emanzipierte Menschen gestoßen, umso mehr hat mir Feldmans Buch die Augen geöffnet, dass die von mir so neugierig und interessiert betrachtete Religion auch ihre Fanatiker birgt und mein Eindruck, dass der Stand der Frau im Judentum eigentlich ein sehr eigenständiger ist, sich nicht auf jeden Zweig dieses Glaubens bezieht.
Ich muß ehrlich zugeben, einen Moment gebraucht zu haben, um festzustellen, dass der Text tatsächlich in der „Gegenwart“ bzw. nicht allzu fernen Vergangenheit spielt, wirklich bewußt wurde mir das erst, als ein Handy oder ein Computer erwähnt wird, vorher war ich der Meinung, wir befinden uns irgendwo in den 50er Jahren.
Mein Bild eines freien, nach Bildung strebenden und offenen Judentums erhielt während der Schilderungen einen argen Knick und ich weiß nicht, welche Naivität mich dazu verleitet hat zu glauben, gerade diese Religion sei frei von dem Fanatismus und Extremen, den es in allen anderen Religionen gibt und der mir gerade da auch durchaus bekannt ist, bin ich selbst doch auf eine Schule gegangen, die von katholischen Patern geführt wurde und in der ein zu tiefer Ausschnitt oder ein zu kurzer Rock durchaus dazu führten, dass meine Mutter nach dem Unterricht einen Anruf erhielt, bzw. in der noch wenige Jahre vor mir ausschließlich Jungen unterrichtet wurden.
Natürlich ist mir bewußt, dass Feldman in ihrer chassidischen Gemeinde Extremen ausgesetzt war, dass hier keineswegs der alltäglich jüdische Glaube gelebt wurde. Ich muß zugeben, die Begriffe Satmar, Chassiden und ultraorthodox natürlich zuvor gekannt zu haben und auch mir eingebildet zu haben, zu wissen, was sie bedeuten. Nach der Lektüre des Buches, weiß ich, dass ich nichts wußte… gar nichts.

Feldman berichtet, sachlich und doch emotional über ihr Frauwerden, ihre Sexualität und ihre Probleme, die sie vorallem wegen ihrer Erziehung und ihres Glaubens mit sich herumschleppt, sind schockierend und öffneten mir, die ich mich in meiner Filterbubble, in der Frauen alles werden können, was sie wollen, schließlich bin ich selbst relativ erfolgreich in einem Beruf, der an vielen anderen Orten (auch in Deutschland) noch in den meisten Fällen von Männern dominiert wird, in der Frauen sagen dürfen was sie wollen, lernen dürfen, was sie interessiert und in denen Sex und Verhütung ein Thema ist, das man durchaus offen thematisieren kann und in der man nicht in der Hochzeitsnacht plötzlich mit Problemen zu kämpfen hat, die weder einem selbst noch dem Partner bekannt sind, vorallem aber lebe ich in einer Welt, in der ich mir aussuchen darf, wer mein Partner ist, ob ich heirate und Kinder möchte und in der ich nicht darüber definiert werde, wie ich die Maßstäbe anderer erfülle, sondern ob ich ein netter Mensch bin oder nicht.
All diese meine eigentlich gar nicht so modernen aber für mich selbstverständlichen Denkweisen demontiert Feldman allein durch die Schilderung ihrer Jugend, ihrer lieblosen Verwandten, des Unverständnisses und der vielen Regeln, die ich bisher eher als Kann-Vorschriften aufgefaßt hatte, denn als wirklich strikte Verbote.
Feldman schreibt dabei eindringlich, intensiv und absolut unterhaltsam. Diese Geschichte ist keineswegs lediglich ein Leidensweg, es ist ein Weg der Befreiung und ein äußerst unterhaltsames und dramatisches Stück Zeitgeschichte, das sich als Hörbuch sehr gut hören ließ. Trotz der Länge kommt hier keine Langeweile auf, im Gegenteil Feldman schockiert, beschwichtigt, erklärt und rüttelt wach und Anita Hopt liest das ganze mit einer wunderbar angenehmen Stimme und einer sehr guten und ansprechenden Betonung und Umsetzung.

Mir hat dieses Buch vor allem für meine eigene Ignoranz und Naivität die Augen geöffnet, in der ich annahm, dass nur weil ich lediglich emanzipierte und fortschrittliche jüdische Gläubige kennengelernt habe, die ganze Religion eine sehr fortschrittliche sein müsste.
Ich habe Feldman mittlerweile in einigen Interviews gesehen und nachdem ich ihre Geschichte nun vermeintlich kenne, beeindruckt sie mich noch mehr. Eine sehr angenehme und starke Frau, die ihren Weg gegangen ist, obwohl eigentlich alles versucht hat, sie daran zu hindern und die zum Vorteil von uns allen auch noch in der Lage ist, diesen Weg mit einem gewissen wehmütigen Humor und einer spannenden Erzählweise zu schildern.

Unorthodox war für mich ganz klar das Buch des Jahres 2016. Bewegend, intensiv und erschreckend habe ich den Worten gelauscht und während ich unterhalten wurde, auch einiges über mich gelernt… Frau Feldman gehört für mich zu den wenigen sehr interessanten jungen Frauen, nicht nur durch das, was sie erlebt hat, sondern auch durch ihr Auftreten, ihre Erzählkunst und ihre klugen Anmerkungen, oder aber die Fähigkeit auch sich selbst einzugestehen Fehler zu machen, Wut zu zulassen oder Unbeherrschtheit Raum zu geben, denen ich gerne mal die Hand schütteln und mit denen ich ein paar Worte sprechen würde.

Hier geht es zu ihrer Homepage: Klick!

Frauen bereisen die Welt – Hörbuch

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Ich habe dieses Hörbuch als Rezensionsexemplar vom Audiobuchverlag erhalten und mich unwahrscheinlich darüber gefreut, da ich wirklich sehr gerne Reiseberichte höre. Die CDs kommen in einem normalen Doppel-Jewel-Case daher und sind praktisch und gut zu handhaben auch während der Autofahrt.

Die Autorinnen dieser Berichte sind Therese von Bayern (forschte im Amazonasgebiet), Isabella Bird (ritt durch die Rocky Mountains), Elisabeth von Heyking (lebte in China), Bertha Pappenheim (besuchte St. Petersburg), Johanna Schoppenhauer (bereiste England), Annemarie Schwarzenbach (lebte in Persien/Shiraz), Mary French Sheldon (reiste zu den Massai), Gertrude Bell (reiste durch die syrische Wüste), Ida Pfeiffer (umrundete die Welt). Jeder einzelne Bericht besitzt dabei seinen eigenen Charme und alle diese Damen haben zu Zeiten gelebt, als reisende und entdeckende Damen noch nicht der Normalität angehörten und haben sich trotzdem allen Widrigkeiten widersetzt. Der ein oder andere Bericht wirkt daher ein wenig angestaubt, was die emanzipatorischen Gedanken oder auch die Überlegungen zu den Menschen verschiedenster Art anbelangt. Als wirklich rassistisch würde ich keinen der Texte einstufen, im Gegenteil, aber der Sprachgebrauch der Damen ist halt manchmal noch ein anderer als wir ihn heute wählen würden. Ich fand allerdings auch gerade das sehr interessant und spannend zu beobachten, wie sich unser Blick auf die Welt und ihre Bewohner in wenigen Jahrzehnten/Jahrhunderten gewandelt hat.

Bei den Texten merkt man relativ rasch, auch wenn einem die berichtende Damen vielleicht unbekannt ist, in welcher Zeit man sich vermutlich bewegt und dennoch sind auch manche Problematiken auch heute noch Gegenstand von Diskussionen, die reisende Frauen führen müssen.

Alle Berichte sind ausnahmslos spannend und interessant geschrieben, hier hat man keine langweiligen Tagebucheinträge vor sich, sondern Erzählungen von Frauen, die wirklich Spannendes erlebt haben und die auch noch gekonnt davon berichten konnten. Es wird jedoch nicht nur über die Erlebnisse der Reisen gesprochen, ein großer Teil der Texte befasst sich auch mit der damaligen Gesellschaft, den Anforderungen und Erwartungen und dem Selbstbild der reisenden Damen, das war hochinteressant und vorallem in der Auswahl der Texte, die sich gegenseitig ergänzten, sehr gelungen.

Die Texte werden von unterschiedlichen Sprecherinnen gesprochen, so dass man bereits an der neuen Stimme merkt, dass es sich um eine neue Erzählerin handelt. Alle Sprecherinnen liefern eine gute und solide Sprechleistung ab, kein Gestotter kein Gestammel, ordentliche und angemessene nicht zu theatralische Betonungen und eine sehr gute Tonqualität machen das Hörbuch zu einem wirklichen Hörgenuss.

Ich habe die Damen bei ihren Reisen sehr gerne begleitet und fühlte mit ihnen, saß mit auf dem Floß im Amazonas, auf den Kamelen der Karawane und habe die Angst vor den kriegerischen Massai fast selbst körperlich gespürt. Selten hat mich ein Hörbuch so beeindruckt und mitgerissen. Das Interesse der Frauen an ihrem Umfeld und die Neugier, die die meisten von ihnen angetrieben hat, ist mit jedem Wort zu spüren und macht das Hören der Geschichten wirklich interessant.

Sei es der Antrieb zu soziologischen oder anthropologischen Forschungen, die Damen hatten alle samt eine sehr gute Beobachtungsgabe und so gelingt es selbst mit wenigen Worten, die Situationen lebensnah und spannend zu schildern. Leider sind die Texte merklich gekürzt. Die kompletten Berichte als Printausgaben findet man hier.

Therese Prinzessin von Bayern:  Meine Reise in den brasilianischen Tropen

Isabella Lucy Bird: Leben einer Dame in den Felsengebirgen, aus dem Englischen übertragen. 1 Bd.

Ida Pfeiffer: Eine Frauenfahrt um die Welt: Reise von Wien nach Brasilien, Chili, Otahiti, China, Ost-Indien, Persien und Kleinasien. 

Gertrude Bell: Durch die Wüsten und Kulturstätten Syriens. Reiseschilderungen.

Isabella Lucy Bird: Unbetretene Reisepfade in Japan; Band 1 und 2

Elisabeth von Heyking: Tagebücher aus vier Weltteilen

Bertha Pappenheim: Sisyphus: Gegen den Mädchenhandel – Galizien (Vollständige Ausgabe): Eine Studie über Mädchenhandel und Prostitution in Osteuropa und dem Orient

Johanna Schopenhauer: Reise durch England und Schottland

Annemarie Schwarzenbach: Winter in Vorderasien: Tagebuch einer Reise

Mary French Sheldon: Sultan to Sultan. Adventures among the Masai and other tribes of Africa  (Hier habe ich leider nur eine englische Ausgabe gefunden)

Für mich auf jeden Fall ein Anlass den ein oder anderen Bericht komplett zu lesen und zu genießen. Besonders gut hat mir tatsächlich der Bericht von Mary French Sheldon gefallen, die als Bibi Bwana die Gebiete der Massai in Afrika durchquert, aber auch die vermeintlich weniger spektakuläre Reise durch England und Schottland von Schopenhauers Mutter Johanna war durchaus hörenswert und bot die ein oder andere spannende Beobachtung.

Grundsätzlich würde ich mich über eine Fortsetzung dieser Reiseberichtreihe sehr freuen.

Der Bruder von Joakim Zander

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Ich habe vor einiger Zeit bereits Joakim Zanders Buch „Der Schwimmer“ als Hörbuch gehört, daher hab ich mich sehr gefreut, dass ich vom Audiobuchverlag auch sein nächstes Buch als Hörbuch erhalten habe.

Der Bruder“ hat zwar hier und dort Berührungspunkte und bedient sich einiger Figuren aus „Der Schwimmer“ ich würde es aber eher nicht so richtig als zweiten Teil bezeichnen, sondern behaupten, dass man beide Bücher auch unabhängig von einander lesen kann, ohne Informationsverlust zu haben. Schöner ist es aber natürlich, wenn man altbekannte Figuren wieder erkennt.

Joakim Zander schafft es auch hier wieder sehr lebendige Figuren zu erschaffen und auch wenn ich nicht immer, der Meinung war, dass die Figuren klug handelten, waren ihre Beweggründe doch zu verstehen und nachvollziehbar erklärt.

Interessant fand ich hier vorallem die Entwicklungen der radikalisierten Jugendlichen in den Vororten und auch die Strippenzieher im Hintergrund, bei der Auflösung macht es sich Herr Zander aus meiner Sicht ein wenig zu leicht und schiebt die Schuld in eine Richtung, die zwar in dieser Geschichte durchaus treffend und richtig ist, die aber sicher nicht als Standarderklärung für jegliche Radikalisierung herhalten dürfte. Das fand ich etwas schade und dafür, dass er sonst sehr schattiert und vielschichtig erzählt, wird es hier dann ein wenig eindimensional und simple. Damit kann ich aber durchaus leben und es verdirbt mir nicht das Buch, denn das ist durchaus unterhaltsam, rasant und schnell erzählt und zieht Dank mehrerer Erzählstränge den Zuhörer rasch in einen Sog.

Ein wenig Schade fand ich allerdings auch hier, dass die Übersetzung unwahrscheinlich schlecht war. Immer dann wenn es um Waffen geht, hatte der oder die Übersetzer (leider war es mir trotz intensiver Recherche nicht möglich herauszufinden, wer das verbrochen hat) eine fast schon naive Ahnungslosigkeit. Wenn Yasmin mal eben das Maschinengewehr durch die Stadt schleppt, wenn eigentlich vermutlich von einer Maschinenpistole oder etwas handlicherem die Rede ist, dann zerstört das beim sachkundigen Leser leider komplett das Bild im Kopf. Das hatte mich bereits bei „Der Schwimmer“ gestört, hier wurde es leider wirklich sehr störend und lästig. Ich verstehe nicht, was so schwer daran ist, da dann mal kurz wen drüber lesen zu lassen, der immerhin eine vage Ahnung hat, wie man welche Waffen bezeichnet und dem die Absurdität eines mal eben so unterm Mantel mitgeführten Maschinengewehrs auffällt. Ein wenig schade fand ich auch die etwas eindimensionale Darstellung der handelnden Geheimdienstler / Polizisten, das war mir etwas zu verkürzt dargestellt, liegt aber vermutlich hier an der gekürzten Hörbuchfassung.

Wer sich an solchen Feinheiten nicht stört und einen gut gemachten und konstruierten Krimi/Thriller lesen oder hören will, der wird hier gut unterhalten.

Dirk Petrick und Ulirke Hübschmann liefern hier eine sehr gute Leseleistung ab und hauchen den Figuren Leben ein ohne zu theatralisch zu erzählen sondern bestechen durch eine nüchterne Sachlichkeit, das hat mir sehr gut gefallen.

 

(M)ein Mann namens Ove…

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Jaja, ich weiß, das Hörbuch/Buch von Frederik Backmann heißt „Ein Mann namens Ove„, allerdings kamen mir schon beim Lesen, Ove und viele seiner kleinen Eigenheiten seeeehr bekannt vor. Da Ove aber nun mal eben nicht zwingend ein sehr sympathischer Mensch ist, habe ich es mir strikt verboten, Ove mit dem Mann an meiner Seite zu vergleichen. Nun rede ich aber ab und an auch mit Mr. Jetztkochtsie über das, was ich gerade so lese oder höre und als ich Ove erwähnte, fragte er mit schlitzohrigem Blick, ob ich denn auch fände, dass Ove ihm irgendwie ähnlich wäre. Ich fühlte mich sofort ertappt und guckte ein wenig betreten zu Boden, fragte dann aber, wie er denn darauf käme und bekam erzählt, dass seine Kollegin ihm das Buch geliehen habe, weil sie fände, dass Ove so manche Verhaltensweise an den Tag lege, die sie an ihn erinnere. Nun gut, da mußte ich dann auch einräumen, dass ich diese Vergleiche durchaus auch gezogen habe, allerdings möchte ich betonen, dass es die liebenswerten Charakterzüge von Ove sind, die mein Mr. in sich trägt.

Er selbst liest das Buch nun seit ein paar Tagen und schweigt sich zu diesem Thema aus, geht aber weniger oft in den Werkstattkeller seine Schraubenschlüssel nach Größe sortieren. 😉

Aber worum geht es bei Ove eigentlich, nun recht schnell wird klar, daher ist das wohl auch kein Spoiler, Ove will sterben, Ove ist allein, Ove hat keine Aufgabe mehr und die Zeit hat Ove einfach ein wenig überholt. Er kommt nicht mehr mit, er ist überfordert beim Kauf eines Ipads, von dem Nachbarn im bunten Sportzeug und von der Schnelllebigkeit im Allgemeinen, die Trulla mit dem Hund, der aussieht, wie ein Winterstiefel, nervt ihn schrecklich und das Schlimmste: seine Frau und seine Arebit sind nicht mehr da. Ove ist ein sehr pflichtbewußter und organisierter Mensch (SCHAAAAATZ!! 😉 ) und daher geht er an diesen Plan, den Selbstmord, sehr überlegt ran, dummerweise passiert dann nun mal das Leben und vorallem seine neuen Nachbarn, der Trottel und seine schwangere herzallerliebste iranische Ehefrau, und Oves Plan ist nicht so leicht durchführbar, wie er dachte und plötzlich purzeln da neue Gestalten in Oves Leben und auch alte Begleiter erscheinen wieder in einem neuen Licht. All das ist unheimlich unterhaltsam und trotz des wirklich bewegenden und traurigen Themas, eines alternden und einsamen Mannes, kann man an vielen Stellen wirklich herzlich lachen, man fühlt mit, man bekommt nicht nur die Gegenwart um Ove erzählt, sondern auch seine Vergangenheit, die bewegter war, als man glauben könnte. Backmann macht das sehr geschickt, durch Zeitwechsel und führt den Leser so langsam an die eigentliche Geschichte heran.

Klar, wird hier und da etwas überzeichnet und natürlich ist die ein oder andere Anekdote etwas sehr konstruiert, trotzdem fand ich Oves Geschichte einfach sehr hörenswert. Ich habe das Hörbuch gehört, kann mir aber sehr gut vorstellen, dass das auch als Buch sehr kurzweilig und unterhaltsam ist, vorallem Oves Beziehung zur streunenden Katze (SCHAAAAATZ !!!!) fand ich einfach herzerwärmend und seine ganze etwas brummelige, prinzipientreue und sehr sture Art hat mir einfach gut gefallen. Ich mag Menschen mit Ecken und Kanten, jeder von uns hat sie, jeder von uns ist ein kleiner Ove, die einen tief in sich drin, die anderen auch nach außen.

Ein wenig erinnert das Buch an den 100jährigen, der aus dem Fenster stieg, allerdings wirklich nur aufgrund des Erzählstils, es ist eine gänzlich andere Geschichte, allerdings ebenso lesens- und hörenswert.

Gelesen wird das Hörbuch von Heikko Deutschmann, der wie üblich eine sehr gute und angenehme Leseleistung abliefert und mich mehr als gut unterhalten hat.

Ich war so begeistert, dass ich mir sofort das nächste Buch von Frederik Backmann als Hörbuch runtergeladen habe: „Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid!“ Das hab ich mittlerweile auch beendet, die Rezension folgt noch.

Unterleuten – Juli Zeh

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Niemals hätte ich mir in der letzten Zeit ein Buch von Juli Zeh freiwillig gekauft, ausgesucht, gelesen. NIE!
Frau Zeh geht mir, fand ich sie früher doch mal irgendwie gut, mittlerweile gehörig auf den Geist. Omnipräsent und zu allem eine Meinung, die sich in den seltensten Fällen mit meiner deckt und ein Diskussionsverhalten, dass mich schlicht stört. Überheblich, milde lächelnd sitzt sie in den Talkrunden und verursacht mir Unwohlsein, selbst wenn ich dann einmal mit ihrer Meinung konform gehe, ärgere ich mich über sie.
Unterleuten wurde aber nun mal grandios besprochen, um mich herum äußerten die Leute, das musst du lesen, das musst du WIRKLICH lesen, das ist genau dein Ding.
Mich durchringen das Buch zu kaufen, konnte ich trotzdem nicht. Als dann aber mein Audible-Tag anstand und ich so keine Idee hatte, was ich denn als nächstes Hören wollte, da kam mir Unterlleuten vor den Klickfinger und wenig drüber nachgedacht, einfach mal geklickt. Es dauerte dann noch etwas, bis ich mich tatsächlich entschloss los zu hören und dann wurde ich tatsächlich überrascht.

Dieses Hörbuch ist sehr gut produziert und ansprechend gelesen von Helene Grass, die mir bislang als Sprecherin nicht bewusst in Erinnerung geblieben ist, hier aber eine sehr gute Leseleistung abliefert und der ich gerne zugehört habe. Ihre Stimme ist angenehm und die Betonung treffend. Es machte wirklich Spaß ihr zu zuhören.

Die Geschichte an sich fängt sehr gemächlich an, die Personen werden zunächst ohne wirklich erkennbaren Zusammenhang vorgestellt und jeder einzelne Erzählstrang wird nur langsam zusammen geführt. Das war aber durchaus geschickt konstruiert und führte bei mir keineswegs zu Ungeduld oder Langeweile, denn jede Seite der Geschichte ist durchaus spannend und erzählenswert.
Unterleuten, das kleine Kaff mit seinen Einwohnern, Problemen, Fehden und Intrigen ist liebenswert und dennoch verstörend, wohne ich selbst doch ebenfalls in einem Dorf mit zwei Kneipen, einem Bäcker und nicht viel mehr drum herum, konnte ich mich in die Situationen teilweise sehr gut hineinversetzen, fühlte mich an so manche dörfliche Begebenheit durchaus erinnert, wenn dies natürlich auch im Buch deutlich überzeichnet, aber eben unterhaltsam und glaubwürdig dargestellt wurde.
Einziger kleiner Aufreger für mich war die stereotype Darstellung der Ordnungshüter im Text, beim ersten Mal sind die pickeligen jungen und nicht ernstzunehmenden Uniformträger vielleicht ganz witzig, beim zweiten und dritten Mal hat sich das Bild aber abgenutzt und ich hätte Frau Zeh eine etwas kreativere Erklärung zugetraut, warum hier von staatlicher Seite keine Reaktion erfolgt.
Die ersten 3/4 des Buches haben mich unheimlich gut unterhalten, ich habe mit geknobelt, mit gehofft, mit gebangt und meine Idee gehabt, wer da mit wem und wie und warum herummauschelt.
Das letzte Viertel war für meinen Geschmack dann etwas zu klamaukig und platt, hier hätte ich mir eine etwas feinere und nicht so holzhammerige Lösung für so manchen Erzählstrang gewünscht. Trotzdem konnte ich mit den Abschlüssen aller Fäden durchaus leben und fand manchen sogar überraschend und gut.

Grundsätzlich bin ich von Unterleuten also recht angetan, zu meiner eigenen Überraschung. Vorallem hat es mir gefallen, wie differnziert hier die unterschiedlichen Meinungen, Motivationen und Denkstrukturen der Personen dargestellt wurden und es dem Leser überlassen wurde Sympathien und Antipathien zu bilden, ich mag es sehr, wenn die Charaktere nicht nur gut oder böse sind und man sich als Leser selbst entscheiden kann, wessen Verhalten man gut heißt und wessen man eher fragwürdig findet.

Als Hörbuch hat mich Unterleuten sehr gut unterhalten, trotz der Länge war es zu keinem Zeitpunkt zäh oder langweilig und jeder Satz hatte seine Berechtigung. Mir scheint, obwohl ich Frau Zeh immer noch nicht sonderlich schätze, könnte es zumindest doch so sein, dass ich ihre Art zu Erzählen und ihren Schreibstil mag, was mich überrascht. Das kann man ja dann durchaus auch anerkennen…

Besonders nett finde ich übrigens die Homepage und die angelegten Facebookprofile der Personen… Klick!