Raus aus der Mental Load Falle – Patricia Cammarata

Wir sind seit 6 Monaten Eltern, gänzlich ungeplant, beide über 40 und bei mir mitten im wichtigsten Karriereschritt, ist passiert, was ich zuvor immer zu verhindern gewußt habe: Ich war schwanger. Vom ersten Moment an war uns beiden (zum Glück) klar, dass all unsere vorherigen Überlegungen für diesen Fall über den Haufen geworfen werden und wir Eltern werden. Juchu??!

Wir lebten in den 12 Jahren unserer Beziehung bereits ein etwas besonderes Beziehungsmodel, wohnen wir doch beide in einem von uns geplanten und gebauten Haus, allerdings in zwei Wohnungen. Wir waren und sind nie das typische Pärchen, uns gibt es auch weiterhin als eigenständige Persönlichkeiten und nur das hat dazu beigetragen, dass wir als Paar so gut funktionieren.

Wir sind beide erfolgreich die Karriereleiter hinaufgeklettert und als Beamte leben wir in einer soliden finanziellen Sicherheit. Aufgrund meiner Liebe zu meinem Beruf, war jedoch auch klar, wir bekommen zwar ein Kind, ich werde aber in keinem Fall Vollzeit Hausfrau und Mutter werden und auch ganz sicher nicht länger als ein Jahr Zuhause bleiben.

Dank zweier fantastischer Vorgesetzter habe ich bereits in der Schwangerschaft Wertschätzung und Unterstützung erfahren, wie ich es sonst tatsächlich bei keiner meiner Kolleginnen in ähnlicher Funktion oder Situation erlebt habe. Ich war nicht plötzlich schwanger und somit nicht mehr zu gebrauchen, sondern im Gegenteil, wir haben aktiv meinen Tagesablauf umgestaltet, damit die Morgenübelkeit keine Besprechungen crashen konnte und ich bekam personelle Unterstützung, meine recht verantwortungsvolle Position habe ich weiter ausgeübt und bin selbst hochschwanger noch auf Tagungen unterwegs gewesen und habe mich dabei sehr wohl gefühlt.

Unser Sohn ist nun seit 6 Monaten da und ich bin Vollzeit Zuhause, mein Mann arbeitet Vollzeit, trotzdem habe ich das Gefühl, dass wir Mentalload und Carearbeit gut aufteilen. (Meistens) Ab Januar werde ich wieder in Teilzeit arbeiten gehen, wir haben eine fantastische Tagesmutter und ab 2024 werden wir uns mit Teilzeit und Vollzeit abwechseln. (Nein, das hängt nicht damit zusammen, dass sehr kleine Kinder ihre Mama eher brauchen, als den Papa, sondern dass es bei mir gerade besser paßte mit dem Zuhause bleiben und das wir auch wenig Lust hatten gegen ein System zu rebellieren, das wir ohnehin nicht ändern können.)

Wir haben das Glück, einen Sohn zu haben, der äußerst pflegeleicht ist und bereits seit dem 3. Monat von 22-7 h durchschläft (Manchmal auch länger). Während ich diese Zeilen tippe, ist es Sonntagmorgen 09:40 h und Mann und Sohn schlafen noch friedlich. Nein, wir haben kein Schlaftraining gemacht, wir haben auch nichts richtig oder falsch gemacht, wir haben einfach Glück. Das Kind schläft gerne.

Übermüdet ist also keiner von uns, zumindest nicht wegen des Babies. Überforderung fühlen wir auch nicht, wenn die Forderung auch durchaus da ist und zwar konstant und auf eine ganz andere Art und Weise, als ich das gedacht habe. Warum also dann ein solches Buch lesen? Mein Mentalload ist erträglich und aushaltbar, wir ermöglichen uns gegenseitig ausreichend Freiraum, wir sind entspannt.

Ganz einfach, weil es auch in einem so gut funktionierenden Modell hier und da im Getriebe knirscht. Weil auch wir gegen patriarchale Strukturen und Denkweisen anrennen und weil wir uns manchmal selbst dabei erwischen, wie wir Dinge eben einfach so machen, weil man sie so macht und nicht weil sie wichtig oder sinnvoll wären. Oder weil auch ich dann doch mal sprachlos bin, wenn auf meinen absolut richtigen Hinweis, dass ich an der Telefonkonferenz zwar teilnehmen kann, aber ich ja eigentlich in Elternzeit bin, von einem Kollegen der Hinweis kommt, dass ich das ja mal auf meinem Motivationskonto verbuchen könne. Äh nein.

Das Buch von Patricia Cammarata war unterhaltsam und kurzweilig zu lesen, hier und da hab ich mich nickend wieder erkannt und vorallem die Zeilen dazu, dass man Prioritäten besprechen und abgleichen muß, lösten bei mir intensive Zustimmung aus. Wenn ich auch bei einigen Kapiteln eher dachte, dass bei uns ich den Part des klassischen Mannes einnehme. (Ich bin sehr unordentlich, chaotisch, mein Mann ein Ordnungsfreund. Bei mir liegt die Wäsche auch mal ein paar Stunden in der Maschine, mein Mann steht (ok das ist ein bißchen übertrieben) quasi daneben, wenn sie piepst und fertig ist.)

Es wird mit scharfem Blick festgestellt, wo es in den Normfamilien hapert, wo Männer sich aus der Verantwortung ziehen und lediglich helfen und nicht nur das, es wird auch aufgezeigt, was ihnen dadurch entgeht und wie viel Mitbestimmung sie sich ohne Widerstand abnehmen lassen.

Es wird auch erklärt, wie sich das ändern läßt, wo sich Änderungen lohnen, wie man klein anfangen kann und vorallem, wie Argumente geliefert, wie man Mann, Partner, Freund oder auch Partnerin und das Umfeld für eine gleichberechtigtere Arbeitsaufteilung gewinnen kann. Es werden auch die Schwächen im System aufgezeigt, das eben immer noch auf die klassische Arbeitsaufteilung ausgerichtet ist. Ich erinnere mich daran, wie mir eine Kollegin davon vorschwärmte, wie grandios es doch sei, dass mein Mann 2 Monate Elternzeit nehmen würde und das in seiner Position. Mal davon abgesehen, dass diese zwei Monate, keine Elternzeit waren, sondern angesparter Urlaub, verlor sie kein Wort darüber, dass ich 12 Monate Elternzeit nahm, in einer ähnlichen beruflichen Situation. Vor dem Buch hätte ich das freundlich weggelächelt, nach dem Buch habe ich darauf hingewiesen und aufgezeigt, dass es wichtig ist, Care-Arbeit sichtbar zu machen und zwar nicht nur dann, wenn Männer sich entschließen einen kleinen Teil zu übernehmen, sondern auch Frauen, die den größeren Part vollkommen selbstverständlich und unsichtbar und ungelobt ableisten.

Nicht so zustimmend genickt habe ich in dem Kapitel, in dem es um die finanziellen Einbußen geht, denn hier wurden für mich die Einbußen durch Elterngeld, wenn derjenige Zuhause bleibt, der mehr verdient eindeutlig schön gerechnet, das mag als Argumentation für Frauen dienen, deren Männer nicht so gut in Mathe sind und sich von Statistik blenden lassen oder wo es tatsächlich so finanziell aussieht, dass ein tausdender mehr oder weniger im Monat nicht ins Gewicht fällt. Bei uns ist es schlicht so, dass das erste Jahr Elternzeit uns, wenn ich Zuhause bleibe grob 24.000 Euro kostet, hätte mein Mann seine 2 Monate-Eltern-Freizeit nicht nur durch Urlaub und Überstunden erlangt, wären dazu nur für zwei Elternmonate nochmal mehrere tausend Euro dazu gekommen. Ja, wir verdienen gut, wir verdienen aber nicht so gut, dass man das mal eben so weglächelt oder nicht bemerken oder gar berechnen würde und da unser Kind nun mal wirklich nicht geplant war, gehen dafür jetzt die Rücklagen für mein eigentlich geplantes neues Auto (Ja, wir wohnen auf dem Dorf, ich fahre täglich 56 km zur Arbeit, ÖPNV gibt es nicht sinnvoll, ein Auto ist notwendig.) drauf. Das muß man nicht nur wollen, sondern auch können. Die Rechnung im Buch fand ich daher irgendwie realtitätsfern und auch sehr elitär und bin der Meinung, dass es hier nichts nutzt, die Rechnung zu beschönigen, sondern das System Elternzeit und Elterngeld für den gehobenen Mittelstand einfach neu und anders gedacht werden muß. Wenn wir wollen, dass Männer in verantwortungsvollen Positonen Elternzeit nehmen und ihren Mitarbeitern das vorleben, dann müssen wir hier einen finanziellen Anreiz oder zumindest Ausgleich schaffen. Das ist aber mein einziger Kritikpunkt, das Fazit zum Buch ist wirklich, lest das, egal wie alt eure Kinder sind oder ob ihr überhaupt schon welche habt, das Ganze kann man auch prima auf eine Paarbeziehung ohne Kinder anwenden, in der ein Part irgendwie mehr Hausarbeit ableistet, als der andere. Egal wie motiviert und gleichberechtigt ihr in euren Partnerschaften lebt., das Buch macht deutlich, woher Erschöpfung und Überforderung kommen. Es zeigt Strategien auf, wie man sie verändern kann oder auch an welchen Stellen es ok sein kann, das Ganze auszuhalten.

Legt es euren Partnern hin, denn das ist keineswegs so ein feministisches Kampfpamphlet, bei dem sich jeder männliche Leser gleich angegriffen fühlt, sondern ein offenes und verständnisvolles Buch, das den Finger in die Wunde legt und darauf zeigt, wo es weh tut.

Allein die Literatur und Onlinetips am Ende oder die kleinen QR Codes zu Videos im Buch haben mich teilweise erheitert, teilweise aber auch sehr bereichert.

Und ja, bei uns läuft es sehr rund, ich pflege meine Freundschaften, ich habe kinderfreie Tage, wir nehmen uns Paarzeit und ich habe ein sehr gutes soziales Netz, das uns all das ermöglicht. Trotzdem habe ich Tage, an denen ich nicht viel mehr schaffe, als mit dem breiverschmierten Kind über den Boden zu rollen, Quatsch zu machen und es zu mehreren Mittagsschläfchen zu animieren, weil mir die Augen zu fallen und wißt ihr was?

Dank dem Buch weiß ich nun und erahne nicht nur, das ist auch vollkommen in Ordnung und ja, ich kann hier und da noch etwas verändern, anders denken oder vielleicht auch nur meinen Anspruch an mich selbst und meinen Mann herunterschrauben.

Ein Kommentar zu „Raus aus der Mental Load Falle – Patricia Cammarata

Gib deinen ab

  1. Hallo Ihr da draußen,
    super schade, dass ein solches Buch noch gebraucht wird!!
    Allerdings finde ich viel schlimmer, dass sich Frauen immer noch rechtfertigen müssen, egal wie sie ihren Familienjob bewältigen!! Ob Vollzeit, Teilzeit oder Hausfrau, es gibt immer Kritik und dass hauptsächlich von Frauen!!
    Liebe Grüße
    Katy Ferdini

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