Adventskalender 11.12.2021 Bonnknit

Blogbeitrag – Eine ganz kurze Geschichte des Strickens

Hallo, ich bin Sandra (@bonnknit), und wenn ich nicht stricke, beschäftige ich mich beruflich mit Geschichte. In diesem Blogbeitrag kann ich meine beiden Leidenschaften zusammenbringen. Also mach dir einen Kaffee und begib dich mit mir auf eine Zeitreise durch die Geschichte unseres Lieblingshobbys.

Kurzer Hinweis vorab: Ich kann in diesem Blogbeitrag nicht auf alles detailliert eingehen. Mein Ziel ist es, dir einen historischen Überblick zu geben – eine ganz ganz kurze Geschichte des Strickens eben.

Viele Fäden führen nach Rom – Die Anfänge des Strickens

Seit wann stricken Menschen eigentlich? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu beantworten. Wer wann und wo das Stricken erfand, lässt sich heute nicht mehr klären. Viel wahrscheinlicher ist ohnehin, dass es nicht von einer Person an einem Ort erfunden wurde, sondern sich vielmehr – in leicht abgewandelter Form – an unterschiedlichen Orten, in unterschiedlichen Kulturen zu unterschiedlichen Zeiten entwickelte. Unterschiedliche kulturelle Einflüsse halten sich bis heute, zum Beispiel in den verschiedenen Handhaltungen und der Fadenführung beim Stricken (continental vs. Englisch knitting).

Frühe Strickstücke zu datieren und einzuordnen ist auch deshalb nicht einfach, weil verschiedene Techniken dem Stricken in Struktur und Aussehen ähneln und oft damit verwechselt werden, zum Beispiel Nalbinding oder Sprang. Einzelne Objektfunde legen nahe, dass diese Techniken schon ausgeübt wurden, bevor es das Stricken gab. Dazu zählen zum Beispiel ein Paar rote Socken aus Ägypten, die sich auf das 3. bis 5. Jahrhundert vor Christus datieren lassen und heute zur Sammlung des Victoria and Albert Museums in London gehören.

Was ist nun also Stricken genau und wie grenzt es sich von anderen Techniken ab? Zedlers Universallexikon, das größte Nachschlagewerk des 18. Jahrhunderts, schreibt dazu:

„Stricken, nennet man die Wissenschafft, einen Faden, er sey von Wolle, Zwirn, Seide und dergleichen, vermittelst langer von verschiedener Stärke zubereiteter Nadeln, aus Meßing, Eisen oder Stahl, so man Stricknadeln heisset, dergestalt künstlich in einander zu schlingen, daß sich dadurch nach der besten Forme Strümpffe, Handschuh, Mützen, Camesol, ja ganze Nachthabit und Kleidungen heraus bringen lassen […]“ 

Stricken ist also eine Technik zum Herstellen von Textilien, die mit einem Faden und zwei oder mehr Nadeln ausgeübt wird. Heute unterscheiden wir dabei das Stricken in Reihen und das Stricken in Runden. Beim Stricken in Reihen werden zwei Nadeln verwendet und das Strickstück wird am Ende der Reihe gewendet. So entsteht ein flaches Strickstück, dass dann ggf. nachher zusammengenäht wird. Beim Stricken in Runden kommen dagegen mehrere Nadeln zum Einsatz (oder heutzutage auch mal Rundstricknadeln, die es seit etwa 1890 gibt), um ein schlauchförmiges Strickstück zu erzeugen. Die Technik des Rundstrickens ist viel älter als die des Strickens in Reihen, denn so ließen sich am besten Socken, Handschuhe oder Mützen herstellen.

Eines der ersten Objekte, bei dem es sich wirklich um Stricken in diesem Sinne handelt, sind die Überreste einer weiß-blauen, in Nordafrika in der Zeit zwischen 1100 und 1300 hergestellten Socke. Die Socke wurde toe-up, also von der Spitze aufwärts, gestrickt und Veränderungen in der Maschenanzahl legen nahe, dass die Form durch Wechseln der Nadelstärke statt durch Zu- und Abnahmen erreicht wurde. Anhand dieses Fundes wissen wir, dass im 12. bis 14. Jahrhundert in Nordafrika, das damals unter islamischer Herrschaft stand, gestrickt wurde. Ab dem 14. Jahrhundert lassen sich Strickstücke auch vermehrt in Europa nachweisen.

Anfangs gab es übrigens keine linken Maschen im eigentlichen Sinne, sie waren vielmehr nur die Rückseite der rechten Maschen. Das früheste, erhaltene Strickstück, in dem rechte und linke Maschen abwechselnd auftauchen und linke Maschen somit bewusst als eigene Technik eingesetzt wurden, ist ein Paar Seidenstrümpfe aus dem Besitz von Eleonora von Toledo, das auf das Jahr 1562 datiert wird (heute im Palazzo Pitti, leider ohne Bild).

Stricken als Kunst, Zeitvertreib und Arbeit

Mit dem Siegeszug der Strickstücke in Europa – allen voran feine Seidenstrümpfe für Adelige – ab dem 14. Jahrhundert verbreitete sich auch das Stricken als Handwerk. Stricken wurde zum Beruf. In England wurde unter Elizabeth I. im Jahr 1571 ein Gesetz erlassen, dass alle männlichen Personen ab dem sechsten Lebensjahr dazu anhielt, an Sonn- und Feiertagen eine in England gefertigte „Cap“, eine wollene Kopfbedeckung zu tragen. Dadurch sollte die englische Strickwarenproduktion gefördert und vor ausländischen Importen geschützt werden. Die Stricker, die diese Kopfbedeckungen herstellten, waren in Gilden organisiert. In den deutschsprachigen Ländern gab es zwar kein vergleichbares Gesetz, aber doch auch eine Organisation der Stricker als Berufsstand. In Gilden und Zünften organisierte man sich und legte strenge Standards für das gewerbliche Stricken fest, was Qualität und Geschwindigkeit der Herstellung anging. In England dauerte die Ausbildung zum Stricker drei, in Deutschland sogar vier Jahre.

Wenn hier von „Strickern“ in der männlichen Form die Rede ist, dann ist das durchaus absichtlich so formuliert. Denn zumindest das gewerbliche Stricken, also der Beruf des Strickers, war ein männlicher Beruf. Dass Frauen auch strickten, lässt sich an vereinzelten bildlichen Darstellungen nachweisen. Ein prominentes Beispiel dafür ist der Buxtehuder Altar aus dem Jahr 1390, auf dem Maria mit einem Strickstück in der Hand zu sehen ist (rechter Teil des Triptychons, links unten). Deutliche Erwähnungen von strickenden Frauen gibt es aber erst ab dem 16. und 17. Jahrhundert, als Stricken abseits der Zünfte zur Erwerbsmöglichkeit für Arme wurde.

Um ihre Einkünfte aufzubessern, strickten aber nicht nur arme Frauen, sondern später auch Lehrer oder Soldaten. So zum Beispiel zu sehen auf dem Gemälde „Der strickende Wachposten“ von Carl Spitzweg aus dem Jahr 1855 (gemeinfrei via Wikimedia Commons).

Für adelige und später bürgerliche Frauen war Stricken kein Weg der Erwerbstätigkeit, sondern ab dem 18. Jahrhundert vor allem Zeitvertreib. Dieser Wandel vom Stricken als Beruf hin zum Stricken als Zeitvertreib und künstlerische Beschäftigung vollzog sich ab dem 18. Jahrhundert allmählich und dann vor allem im 19. Jahrhundert. Dies lässt sich auf zwei Faktoren zurückführen. Zum einen ein Wandel in der Mode: der Siegeszug der langen Hose, der die kunstvoll und häufig von Hand hergestellten Seidenstrümpfe edler Herren obsolet machte.  Zum anderen die Verbreitung des Maschinenstrickens, die das Handstricken als Gewerbe ganz langsam verdrängte. Die erste mechanische Strickmaschine, der Handkulierstuhl, wurde 1589 von William Lee aus Calverton, England, erfunden. Um die Strickgilden zu schützen, verwehrte Elizabeth I. Lee das Patent für seine Strickmaschine. Er zog nach Frankreich, wo ihm das Patent vom französischen König Henri IV. gewährt wurde. Der Handkulierstuhl verbreitete sich Anfang des 17. Jahrhunderts zunächst in Frankreich, von wo aus er sich auch in den deutschen Ländern verbreitete. Für etwa zwei Jahrhunderte existierten Maschinenstricken und Handstricken als Gewerbe parallel, aber im 19. Jahrhundert setzte sich das Maschinenstricken durch. Handstricken wurde zur Beschäftigung für reiche Damen, die die Zeit hatten, kunstvolle Strickobjekte herzustellen.

Stricken wurde im 19. Jahrhundert auch in Schulen unterrichtet. Anhand von Büchern, die für des Strickens nicht mächtige Personen nur schwer zu verstehen sind, und anhand der Anleitung von Lehrerinnen lernten so vor allem Mädchen das Stricken.

Stricken im Krieg

Eigentlich vor allem zum weiblichen Zeitvertreib degradiert, erlangte das Stricken im 20. Jahrhundert im Ersten und Zweiten Weltkrieg neue Bedeutung, um die Soldaten an den Fronten mit warmer Kleidung, vor allem Socken, zu versorgen.

Im Ersten Weltkrieg wurden im Deutschen Reich fleißig Socken für die Frontsoldaten gestrickt. Teilweise geschah dies, vor allem im kirchlichen Kontext, freiwillig im Rahmen von abendlichen Strickrunden. Das Berliner Tageblatt berichtet im Oktober 1914 aber auch davon, dass in Strickstuben des Nationalen Frauendienstes „mehr als 800 arbeitslose Frauen und Mädchen beschäftigt wurden“.

In den USA hielt das Navy League Comforts Committee 1918 einen dreitägigen Strick-Contest (knitting-bee) im Central Park ab, um Geld und Strickstücke für die Soldaten an der Front zu sammeln (Library of Congress, Prints & Photographs Division, LC-DIG-ggbain-27377).

Aufrufe zum Stricken für die Soldaten an der Front finden sich auch im Zweiten Weltkrieg in fast allen alliierten Staaten. Nach dem japanischen Luftangriff auf den amerikanischen Flottenstützpunkt Pearl Harbor (1941) warb die Works Projects Association auf Postern mit dem Slogan „Remember Pearl Harbor – Purl Harder“. Das Stricken wurde so erneut zum patriotischen Akt an der Heimatfront und man unterstützte damit den Krieg und die Soldaten im Feld. In England wurden Strickanleitungen kostenfrei verteilt und Wolle wurde an Schulen geschickt, wo die Kinder Handschuhe, Schals und Sturmhauben (heute als Balaclavas insbesondere in der skandinavischen Strickcommunity wieder beliebt) für die Soldaten an der Front strickten.

Ein Beitrag in der deutsch-jüdischen Exilzeitschrift „Aufbau“, die ab 1934 in den USA erschien, berichtet 1941 über das Stricken als wertvolle Beschäftigung im Krieg und als neue Erwerbstätigkeit für Exilantinnen in den USA: „Es gibt fast keine Frau aus Zentral-Europa, die nicht ihre Geschicklichkeit im Handarbeiten mit über die Grenze geschmuggelt hätte. Teils in der Schule teils im Beruf haben die europäischen Frauen das Handstricken erlernt und gepflegt. Die neu eingewanderten Frauen haben in vielen Fällen diese Chance sehr schnell erfasst. Und alle – ausnahmslos haben Erfolg. Teils durch Gründung kleiner Wollgeschäfte mit geringem Kapital, teils durch Verkauf von Wollgarnen von den Wohnungen aus, teils durch Arbeit für Modefirmen haben sich diese Frauen eine einträgliche Existenz gegründet.“ Über die Zeitschrift konnte man auch Strickmuster beziehen: „Senden Sie 10 Cents an „AUFBAU“ Needlecraft Department, 67 West 44th St., N. Y. C.” und erhalten Sie das Strickmuster zugeschickt.

Im nationalsozialistischen Deutschland strickten zum Beispiel auch Rentner Socken für die Soldaten an der Ostfront. Aufrufe, sich an solchen Strick-Aktionen für die Front zu beteiligen, oder auch Strick-Anleitungen, die in Zeitschriften wie der NS-Frauenwarte abgedruckt werden, sind meist nüchtern und sachlich gehalten. Aber es gibt auch Beiträge, bei denen das Stricken ebenso mit nationalsozialistischer Propaganda aufgeladen wird wie andere Themen.

Auch nach Kriegsende blieb Stricken zunächst eine wichtige Tätigkeit. Als Kleidung in den deutschen Besatzungszonen Mangelware war, ribbelte man zum Beispiel Wehrmachtsstrümpfe auf, um daraus Kinderkleidung zu stricken.

Stricken als Politikum

In den 1980er Jahren wurde Stricken in der Bundesrepublik Deutschland zum Politikum. 1983 zogen die Grünen erstmals in den Bundestag ein und eckten dort bei den Abgeordneten der etablierten Parteien auf verschiedene Art und Weise an – unter anderem, weil einige während der Bundestagsdebatten strickten. Eine der ersten Abgeordneten der Grünen, Christa Reetz, sagte später dazu im Interview „Besser stricken und zuhören als im Bundestag Zeitung lesen.“

Um an die Anfänge der Grünen zu erinnern, beschenkte der Vorstand die Abgeordneten um 25. Geburtstag der Partei mit je einem grünen Wollknäuel und passenden Stricknadeln. Man kaufte dazu die grüne Wolle aus vier Berliner Kaufhäusern leer.

Auch im 21. Jahrhundert spielt Stricken als Politikum eine Rolle – so zum Beispiel 2017 im Rahmen des Pussyhat Projects, das mit den Protesten für Frauenrechte in den USA einherging. Bei diesen Protesten trugen die Frauen pinke gestrickte, gehäkelte oder genähte Mützen. Eine Anleitung für Pink Pussy Hats findest du hier.

Wenn dich der Zusammenhang von Politik und Strickcommunity heute interessiert, empfehle ich dir den Adventskalenderbeitrag von Sarah (@mclaughlinknits) aus dem letzten Jahr (hier).

Lesetipps:

Rutt, Richard: A history of hand knitting, London 1987.

Drolshagen, Ebba D.: Zwei Rechts, Zwei Links. Geschichten vom Stricken, Berlin 2017.

Blogbeitrag des Victoria und Albert Museums zur Geschichte des Strickens: https://www.vam.ac.uk/articles/the-history-of-hand-knitting

Blogbeitrag des Victoria and Albert Museums zum Stricken im Zweiten Weltkrieg (mit Strickanleitungen zum Download): https://www.vam.ac.uk/articles/1940s-knitting-patterns

5 Kommentare zu „Adventskalender 11.12.2021 Bonnknit

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  1. Das ist ein sehr interessanter Beitrag. Der gefällt mir sehr gut. Danke fürs einstellen, ei eine ganz tolle Idee.

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