Adventskalendertürchen 25 – Mc Laughlinknits

Jaaaaaa… jeder normale Adventskalender endet am 24.12. Das weiß ich, aber ich hab noch einen Nachschlag für euch, das ist doch auch was Schönes oder?

Im heutigen Adventskalender findet ihr Sarah von Mc Laughlinknits:

Türchen auf!

Der Blog gehört Sarah:

Stricken und Politik

Dieser Beitrag sollte ursprünglich als Video daher kommen. Ich kann mich normalerweise verbal besser und unterhaltsamer ausdrücken als in Textform. Alleine schon weil es in meinem Sprachgebrauch keine oder zu viele Kommata gibt. Aus irgendeinem Grund hat das diesmal jedoch nicht geklappt. Ich hab prokrastiniert, wurde krank, die Zeit wurde knapp, der Druck größer und die Motivation war im Keller. Die schlechten Lichtverhältnisse in meiner Wohnung und der Gedanke ans Schneiden des Videos gaben mir dann den Rest. Ich habe keinerlei angenehmes Videomaterial zusammen bekommen. Vielleicht weil das Thema zu wichtig ist und ich weiß, dass man nur mit Albernheiten und Fluchen alleine nicht weiter kommt.

Meine Botschaft war allerdings in Textform bereits so gut wie komplett ausgearbeitet. Ich setze mich ja nicht ohne Notizen vor die Linse (nur bei Storys). Also warum nicht mal die sicheren Pfade verlassen und stattdessen eine Text ausarbeiten? Um euch trotzdem ein wenig zum Schmunzeln zu bringen, hier eine Beschreibung mein geplantes Video-Intros:

Ich sitze gemütlich im Sessel und bin am Stricken. Der Sessel ist notdürftig gebastelt und besteht aus meiner lila-ombre Plüschdecke die ich über meinen Plastikgartenstuhl geworfen habe, da ich in meiner Wohnung gar keinen Platz für einen richtigen Sessel habe. Not macht ja schließlich erfinderisch, richtig? Während ich stricke schaue ich überzogen nervös über mich, denn über meinem Kopf tauchen plötzlich Stichworte und Überschriften auf, die sich drohend auf mich zu bewegen: “Rassismus” “Pegida” “Rowling is a TERF” “Black Lives Matter” “Kulturelle Aneignung” “US Wahlen”. Ich wische die Texte aggressiv und genervt weg und sage in Loriot Manier “Ich will einfach nur hier stricken!”*

Und damit sind wir auch schon beim Thema: Kommt euch der obige Satz bekannt vor? Habe ihr den vielleicht auch schon einmal vom Stapel gelassen, oder ihn um die Ohren geworfen bekommen?

Für viele von uns ist unsere Handarbeit, unser Hobby, eine Flucht vom Alltag, Entspannung und fast schon Meditation. Zudem erlaubt sie uns, uns kreativ zu entfalten und auszudrücken und dies über Social Media mit einer riesigen Community zu teilen.

Diese Community beansprucht für sich häufig, all umfassend und integrativ zu sein. Ein sicher Ort für alle also. Logisch eigentlich, denn sie besteht ja schließlich aus Menschen jeden Alters, jeder Hautfarbe, jeder sexuellen Orientierung, jeder Identität und jeden Aussehens. Die einzige Ausnahme ist der faszinierend hohe Frauenanteil, was mit toxischer Maskulinität zusammenhängt, aber darüber reden wir dann beim nächsten Adventskalender 😉

Der Haken: Viele der vorangegangenen Gruppen sind in der alltäglichen Gesellschaft Nachteilen und Diskriminierungen ausgesetzt. Obwohl die Community behauptet sie wäre für alle da, setzt sich diese Diskriminierung dort fort. Menschen legen ihre Vorurteile nun mal nicht plötzlich ab, nur weil sie gerade Stricknadeln in der Hand haben (seufz, schade eigentlich, das würde es so einfach machen).

Das Problem: Viele Content Creator kriegen früher oder später von einigen ihrer Follower die Info, dass sie doch bitte gefälligst beim ausgesuchten Content bleiben und Politik dabei aus dem Spiel lassen. Lasst uns gemeinsam auseinander pflücken was an dieser Aussage falsch ist 😀

  1. Follower entscheiden nicht was der Creator teilt, das entscheidet alleine der Creator selbst 🙂 give the public what it wants läuft hier nicht mehr.
  2. Die Aufforderung wichtige gesellschaftliche Themen nicht zu thematisieren, beschreibt ein unfassbares Privileg, denn in 99% der Fälle haben jene politische Themen null Einfluss auf den, der sich darüber beschwert, sondern man will nur in Ruhe kostenlosem Content zu seinem Hobby frönen, ohne dabei daran erinnert zu werden, dass andere dies nicht können.

Hierzu ein netter Post von Chalk and Leaves:

Übersetzung: ,,Lasst uns Normalisieren von Leuten nicht zu erwarten, dass sie ihre politischen Ansichten für sich behalten müssen, nur damit ihr weiter bequem ihren kostenlosen Content konsumieren könnt, ohne anerkenne n zu müssen, dass die politischen Themen euch nicht direkt beeinflussen und, dass eure Entscheidungen aktiv Anderen schaden, okay?”

  1. Als Mensch ist es so gut wie unmöglich politische Themen komplett außen vor zu lassen und Ungerechtigkeiten einfach zu ignorieren. Für viele ist ein integrer Teil ihrer Identität. Ich persönlich kann nicht den Mund halten, wenn irgendeine Person des öffentlichen Lebens wieder Müll redet. Dafür haben politische Entscheidungen einen viel zu großen Einfluss auf unser aller Leben.

Hierzu ein netter Post von Lisa Olivera:

Übersetzung: ,,Eine Erinnerung (erneut): The Creators denen ihr folgt sind Menschen – keine konsumierbaren Selbsthilfe-Produkte. Viele von uns entscheiden sich dagegen hier neutral zu bleiben, nur zu posten was beliebt ist (auch bekannt als leicht zu konsumieren), oder Politik außen vor zu lassen (denn als Mensch ist das buchstäblich unmöglich).” (weiter Slides folgen in englischer Sprache)

4. Der für mich letzte und wichtigste Punkt: Themen rund um die oben genannten Gruppen, bei denen übrigens noch behinderte, chronisch Kranke und mental erkrankte Menschen fehlen, sind keine politischen Themen. Es sind Menschenrechtsangelegenheiten. Und Menschenrechte gehen uns alle an und sollten uns auch alle interessieren.

Diese Angelegenheiten werden zum Problem, wenn sie Menschen auf Grund ihrer Hautfarbe, sexuellen Orientierung, Religion oder des Geschlechts Nachteile bringen. Man bekommt keine Wohnung, keinen Job oder keine Sichtbarkeit auf Social Media Plattformen. Und wenn doch, ist diese regelmäßig mit Anfeindungen verbunden.

Ich verstehe, dass man mit seinem Hobby alltäglichen Dingen entfliehen und sich mal nicht so viele Gedanken machen möchte, vor allem weil man denkt: ,,Hey, ich bin doch eh nicht so! Ich gehöre zu den Guten!”. Trotzdem hat sich für mich das eine mit dem anderen nie ausgeschlossen. Ich fühle mich nicht unwohl in der Community, wenn ich damit konfrontiert werde. Wenn das bei euch anders ist, müsst ihr hinterfragen warum dem so ist.

Denn wir können nicht behaupten, dass wir Platz für alle haben und gleichzeitig Handfärbern erlauben, dass sie Farben mit rassistischen Begriffen versehen, Designern erlauben, dass kulturelle Aneignung in Ordnung wäre und niemand über eine Konfektionsgröße L hinaus designen müsste, ohne sich im Klaren zu sein, dass das weiter Fatphobie fördert. Oder eine bekannte Webseite plötzlich keinen Bock mehr auf Barrierefreiheit hat und sich nicht dran stört, dass Besucher Epilepsieanfälle und Migräneattacken bekommen (ooooh, the shade!).

Wenn solche Probleme aufkommen kann man nicht einfach weiter stricken.

Apropos ,,einfach weiter stricken”: Viele können grundsätzlich nicht einfach weiter stricken. Denn sie sind von diesen Ungerechtigkeiten direkt betroffen. Im Alltag sowieso täglich und dann auch noch in ihrem liebsten Hobby, indem sie doch, genau wie wir, einfach nur Spaß haben und mit ihrer Kreativität gesehen werden wollen.

Als weiße heterosexuelle Cis-Frau gehöre ich mit zu den privilegiertesten Wesen auf diesem Planeten. Ich könnte nur dann privilegierter sein wäre ich nicht chronisch und psychisch krank UND ein MANN ;D.

Sich dieses Privilegs bewusst zu sein ist unfassbar wichtig, denn versetzt euch nur mal kurz in die Situation Anderer: die schwarze Frau kann ihre Hautfarbe nicht einfach abgelegen. Die nonbinäre Person kann sich nicht einfach für ein paar Stunden dazu entscheiden, doch eine Frau zu sein, weil man sie bei der Geburt so identifiziert hat, nur um mal ein wenig Ruhe zu haben und sich von der Gesellschaft akzeptiert zu fühlen. Wärt ihr in der selben Situation, würdet ihr dann ewig ruhig bleiben und das über euch ergehen lassen ohne euch irgendwann mal zu wehren? Ich hoffe nicht.

Uns allen sollte daran gelegen sein, dass jeder in unserer Community akzeptiert und sicher ist, und nicht wegen seiner puren Existenz gefährdet wird.

Aber auch diese Akzeptanz hat Grenzen. Jaaa! Jetzt kommt die obligatorische ,,No tolerance for intolreance policy”.

Hier ein Artikel zum Toleranz Paradoxon von 2019: Klick

Toleranz braucht Grenzen, denn Intoleranz anderer Individuen gegenüber auf Grund von Eigenschaften, die sie nicht ändern können und die auch niemanden sonst etwas angehen, sind nicht zu tolerieren.

Auch die Meinungsfreiheit schützt euch hier vor Torheit nicht, denn diese endet wo Hassrede und Diskriminierung beginnt. @Leahmelle von TikTok singt es ganz schön, wie ich finde: ,,Rassimus ist keine Meinung, Homophobie ist keine Meinug, Transphobie ist keine Meinung und Frauenhass ist es auch nicht, du bist einfach nur ein Arsch!” (hab ich’s Fluchen doch noch unter bekommen, yes! xD

Klick!

Bitte erinnert euch an all dies, wenn euch das nächste Mal ein Post nervt. Bevor man sich beim Instagrammer über dessen Content beschwert, denkt daran: Ihr müsst nicht interagieren, ihr könnt weiter skippen. Oder still und leise die Tür finden und entfolgen. Was aber noch viel besser wäre: Hört denen zu, die betroffen sind. Vor allem konkret im jeweiligen Thema. Ihr wollt Gemotze über politische Diskussionen und mentale/chronische Erkrankung plus richtig viel Wolle haben?

Hiiiii, ich heiße Sarah McLaughlin und bin in unregelmäßigen Abständen für euch da :D. Ihr wollt mehr über über Trans und Nonbinäre erfahren? Sucht danach! Auch sie sind Teil unserer Community. Ihr wollt erweiterte Größen beim Strickdesign? Dann zieht Designer und Firmen, die Designer bezahlen in die Verantwortung! Sucht speziell nach Hashtags für BIPOC Designer und Färber und respektiert deren Raum!

Vor etwas über einem Jahr bin ich gerade mal einer BIPOC Designerin gefolgt, nämlich Frenchie von @arohaknits. Ihr glaubt nicht, welche tollen Menschen ich dabei verpasst habe. Viele von euch werden die verlinkten Accounts bestimmt auch schon kennen und sie sind zu 99% englischsprachige Konten, aber ich füge sie trotzdem hinzu. Diversifiziert euren Feed, schaut euch um, was es außerhalb eures Algorithmus noch so gibt und denkt immer daran: Man muss nicht immer alles ungefiltert ins Internet pusten, was einem gerade in den Sinn kommt. In diesem Sinne wünsche ich euch einen guten und vor allem gesunden Rutsch ins neue Jahr!

Eure Sarah

*,,Ich will nur hier sitzen!”

Liste mit spannendenund diversen Instagramkonten:

Laila Raven

darci does it

akloir design

yelley knits

fiber club

Emmanuel Acho (kein Strickcontent, aber wenn ihr englisch könnt, seine Serie “Uncomfortable Coversations with a Black Man” ist hervorragend!

Black Girl Knit Club

detroit knots

north knits

ggmadeit

black lives matter berlin

karen templer

aleichia knits

tina say knits

Jacqueline Cieslak

Master Yarn Smith

Jessssie Mae

Knit and Croshay

little skein anne

tl yarn crafts

6 Kommentare zu „Adventskalendertürchen 25 – Mc Laughlinknits

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  1. Danke für den interessanten Blogpost zu diesen wichtigen Themen und die Anregungen zum Nachdenken.

    Lieber Gruß Muriel

  2. Vielen, vielen Dank… es ist nicht leicht uns Privilegierte konstant und unermüdlich immer wieder auf unsere Unachtsamkeit hinzuweisen. Ich schätze das sehr, denn es ist viel zu leicht in seiner bequemen Blase zu bleiben.

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