Adventskalendertürchen 3 – Nora Elias / Laila El Omari

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Im heutigen Adventskalender findet ihr Laila El Omari, oder auch Nora Elias

Türchen auf!

Der Blog gehört Laila und sie hat euch eine Kurzgeschichte mitgebracht und ein Gewinnspiel, das findet ihr auf Instagram auf meinem Profil.

Jetzt aber los, hier kommt die Weihnachtsgeschichte des heutigen Adventskalenders:

Rote Wangen hatte das Mädchen gehabt und blaue Lippen, so kalt, dass selbst die winzigen Schneeflocken darauf nicht schmolzen, das Gesicht war von blonden Locken gerahmt. Zusammengekauert hatte die Kleine dagesessen, in eine zerschlissene Decke gehüllt, bemüht, ein klein wenig Wärme aus dem Kleidungsstück zu schöpfen. Inmitten dieser flanierenden Gesellschaft auf den abendlichen Straßen wirkte sie seltsam fehl am Platz, so ruhig und still, wo alles um sie herum Hektik war. Vor ihr ausgebreitet lagen Schwefelhölzer. Vanessa war sie aufgefallen, weil sie im Gegensatz zu den anderen Straßenhändlern ihre Ware nicht anpries, sondern schweigend dahinter saß. Und weil sie kaum älter sein konnte als Vanessas sechsjährige Tochter.

Nahezu jeden Tag war sie in den letzten beiden Wochen an dem Mädchen vorbeigegangen, meist zusammen mit Sidney, den es abends ebenso aus dem Haus trieb wie sie, wenn sie durchatmen wollte von all den Geselligkeiten und dem Geschwätz. Dann spazierten sie gemeinsam durch die Straßen, tranken die kalte Abendluft und Vanessa stellte sich vor, ihre Ehe hätte das gehalten, was Sidneys Verführung vorab versprochen hatte.

Am Vortag hatte Vanessa gesehen, wie das Mädchen eines der Schwefelhölzer entzündete und eine blaugefrorene Hand um die Flamme hielt. Vanessa wollte ihr etwas abkaufen, hatte kaum merklich innegehalten und das Kind angeblickt, aber Sidney hatte seinen Weg unbeirrt fortgesetzt und so war sie an seiner Seite schweigend weitergegangen. Morgen, hatte sie sich gesagt, morgen kaufe ich mehr Zündhölzer als ich in einem ganzen Jahr aufbrauchen kann. In dieser Absicht hatte sie am späten Nachmittag mit einem Korb in der Hand das Haus verlassen, ohne Sidney dieses Mal, denn es standen Besorgungen an, von denen er nichts wissen musste.

Es war der vierundzwanzigste Dezember und an diesem Abend würden die Geschenke im Salon unter dem Tannenbaum aufgebaut werden, eine Tradition, die zusammen mit Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha 1840 in England Einzug gehalten hatte. Am Folgetag würde Sidneys Familie zum Essen kommen und bereits jetzt duftete es in der großen Küche des Hauses nach Gebäck, Plumpudding, Mince Pie, Fruchtkuchen und Stollen. Letzterer auf Wunsch von Vanessa, denn wenn sie ihrem Heidelberger Elternhaus schon fern war, so wollte sie wenigstens auf diese Speise nicht verzichten müssen.

Nun jedoch stand sie vor der Hauswand, an der das Mädchen noch bis zum Vortag gekauert hatte. Am Straßenrand in den Dreck getreten lag ein kleines abgebranntes Zündholz. Eine Frau stieß sie versehentlich im Vorbeigehen an, murmelte eine Entschuldigung und eilte weiter. Vanessa stand im Weg, aber sie verharrte reglos. Sie wollte fragen, ob jemand das Mädchen gesehen hatte, sah sich um, blickte in etliche bekannte Gesichter, alles Menschen ihres Standes, die der Enge ihrer herrschaftlichen Häuser entkommen wollten, um sie gegen die bei Freunden oder Verwandten einzutauschen. Vanessas kühle Lippen bewegten sich. Erinnern Sie sich an das Mädchen mit den Schwefelhölzern? Die Menschen grüßten zurück, lächelten und eilten weiter.

Sie ging durch die belebte Straße und sah sich nach einer Droschke um. Natürlich hätte sie auch ihre eigene Kutsche nehmen können, aber der Kutscher hätte dies unweigerlich Sidney mitgeteilt und einen Ausflug seiner Ehefrau in die Armenviertel Londons hätte Lord Glanworth schwerlich gebilligt. Männer seines Schlages blickten nicht einmal einem Diener ins Gesicht. Erinnerst du dich an das Mädchen mit den Schwefelhölzern?

Im Schein der Gaslampen stand Vanessa der Atem vor dem Gesicht, indes das gelbe Licht einen schmierigen Schimmer auf das nasse Pflaster warf. Zwar hatte der Schneeregen vom Vormittag aufgehört, aber es lag eine feuchte Kälte in der Luft, die durch gefütterte Stiefel, Pelzkappe, Mantel und Muff drang, ja, selbst durch die wärmste Kleidung. Schließlich hielt eine Droschke an und Vanessa tauschte die Kälte der Straße gegen die in der Kutsche. Eine andere Welt tat sich auf am anderen Ufer der Themse, getrennt durch das silbrige Band des Flusses von den Palästen

Mayfairs. Die Straßen wurden enger, die Häuser schmaler, der frische Geruch des Winters überlagert von dem matschiger Abfälle, die in der Nässe faulten. Derselbe Tag und doch ein gänzlich anderer, denn ob Weihnachten war oder nicht, änderte nichts daran, dass ein weiterer Tag des Hungerns anstand. Das Geld wurde selbst an diesem Tag nicht mehr. Auch hier waren die Straßen voll von Menschen, ausgemergelten Gestalten, die sich in Decken und löchrige Mäntel hüllten, die Augen unnatürlich groß und in tiefen Höhlen liegend. Kinder rannten neben der Droschke her, bettelten um Geld, junge Frauen mit alten Gesichtern streckten klauenartige Hände nach dem Kutschschlag aus, Gestalten lagen vor Hauswänden, schlafend, im Rausch oder tot.

Die Droschke hielt an und Vanessa verließ den vermeintlichen Schutz des Kutscheninnern und bezahlte den Fahrer. Der nahm das Geld, schnalzte mit der Zunge und beeilte sich, das Viertel zu verlassen.

„Sie hätten ihn anweisen sollen, zu warten, Lady Glanworth“, sagte eine vertraute Stimme hinter ihr. Sie fuhr herum und sah die schlanke Silhouette des siebzehnjährigen Jordan Lennox an eine Hauswand gelehnt stehen. „Nach Hause dürfte es zu Fuß recht weit sein, es sei denn, Sie nehmen unsere Gastfreundschaft für eine Nacht in Anspruch.“ Er kam näher, trat in das Licht einer am Haus angebrachten Laterne, die ein Lächeln aus den Schatten seines Gesichtes schälte.

„Ich hätte nicht gedacht, dass Sie den Weg heute zu uns finden.“

„Ich hatte es dir versprochen.“

Jordan zuckte mit den Schultern, entweder weil es ihm gleich war oder weil er damit ausdrücken wollte, dass ein Versprechen von ihresgleichen an seinesgleichen nicht viel zählte. Mit einem Seufzen blickte Vanessa an ihm vorbei, suchte seine kleine Schwester, die es ihr stets leichter machte als er. Juliet war gerade neun geworden und in ihrem Wesen sanfter als ihr älterer Bruder. Vielleicht, weil sie im Gegensatz zu ihm kein anderes Leben kannte und nicht so wie er von einem Dasein in der höheren Gesellschaft in tiefstes Elend gefallen war. Ein Dasein, zu dem Sidney einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet hatte und gelegentlich machte Vanessa Jordans Unversöhnlichkeit Angst, auch wenn sie ihm diese gut nachfühlen konnte. Das Haus in der Park Lane, das sie und Sidney bewohnten, war einmal das seiner Familie gewesen und oft hatte Vanessa das Gefühl, dass ihre Schatten es nach wie vor bewohnten und nicht verschwinden wollten, gleich, wie sehr sie sich seit Jahren um Jordan und Juliet bemühte.

Jordans kleine Schwester kam in eben diesem Augenblick aus dem Haus, das dunkle Haar mit Mehl bestäubt. Sie strahlte Vanessa an. „Mama backt.“ Irgendwie beruhigte es Vanessa, dass bei allem Elend auch an ihnen die Feiertage nicht vorbeigingen. Und sie würde ebenfalls einen Teil dazu beitragen, denn in ihrem Korb hatte sie neben den Geschenken für die Geschwister jede Menge Leckereien eingepackt: Brot und dicke Scheiben Braten. Und während Vanessa über Juliets Scheitel strich und ihr eine Schleife im Haar wieder festband, wanderten ihre Gedanken zu einem lichtblonden Schopf, von pudrigem Schnee bestäubt. Und unvermittelt dachte sie, dass ein solcher Anblick einen Mann wie Sidney kaltlassen musste, aber einem Jordan Lennox schwerlich entgehen konnte.

Erinnerst du dich an das Mädchen mit den Schwefelhölzern?

„Welches Mädchen? Derer gibt es viele.“

Unbewusst war Vanessa die Frage über die Lippen gekommen und als sie Jordans fragendem Blick begegnete, deutete sie vage in Richtung des anderen Themseufers. Zwischen den Palästen.

„Brauchen Sie Zündhölzer, Lady Glanworth?“ Jordan hob einen Mundwinkel, fein glitzernder Spott auf seinen Worten. „Oder möchten Sie heute versuchen, das Leben der Anderen ein klein wenig schöner erscheinen zu lassen.“

Vanessa spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg.

„Oh, Jordan.“ Juliet stemmte die Hände in die Hüften. „Du bist ungerecht. Lady Glanworth macht unser Leben schöner, seit ich denken kann.“

„Tja, und Lord Glanworth hat es zu dem gemacht, was es ist, noch ehe du denken konntest, Liebes.“ Als Jordan sich wieder Vanessa zuwandte, war seine Miene jedoch versöhnlicher als seine Worte. „Sie können sich meines Dankes dennoch gewiss sein, Mylady.“ Er schaffte es stets, ihre Anrede wie eine Beleidigung klingen zu lassen.

Vanessa biss sich auf die Unterlippe, wütend auf sich selbst, weil sie sich von diesem halben Kind in Verlegenheit bringen ließ. Herausfordernd erwiderte sie den Blick aus Jordans dunklen Augen, denen stets etwas Unheilvolles innewohnte, die gleichzeitig drohten und entwaffneten. Nein, korrigierte sie sich, das war kein Kind mehr. Jordan hätte sich an das Mädchen erinnert, er gehörte zu denen, die Mädchen wie ihr halfen, solange sie klein waren und ihnen erst gefährlich wurden, wenn sie zu Frauen heranwuchsen. Ein kleines Lächeln spielte um seine Mundwinkel und in seinen Augen, als wisse er, was sie umtrieb.

„Nun gut, wir wollen uns vertragen heute, schließlich ist Weihnachten, nicht wahr?“, sagte er.

Vanessa atmete auf und übergab ihm den Korb, dessen Griff sie die ganze Zeit umklammert gehalten hatte. „Für deine ganze Familie, Jordan. Ein frohes Fest wünsche ich euch.“

Neugierig hängte sich Juliet an den Arm ihres Bruders, spähte in den Korb und stieß einen Laut des Entzückens aus, der die Kälte in Jordans Lächeln tauen ließ.

„Danke, Lady Glanworth.“ Jordan begleitete Vanessa, um eine Droschke für sie anzuhalten und führte sie sicher durch das Dunkel der Gassen, das nur hier und da durch

einen Lichtschimmer erhellt wurde. Frauen saßen an den Hauswänden, graubraune Schatten vor bröckelndem Schwarz. Schweigend streckten sie die Hände aus und Vanessa zog die Schultern hoch, unbehaglich und mit schlechtem Gewissen.

„Keine von denen, die ihr Hab und Gut hergibt, nicht wahr?“, spöttelte Jordan.

Abrupt blieb Vanessa stehen, band sich mit einer ruckartigen Bewegung den seidenen Schal vom Hals und reichte ihn der erstbesten Frau, einem verhärmten Geschöpf, das ein Kind in den Armen hielt. Wie frischgefallener Schnee lag die weiße Seide auf ihr und die Frau starrte Vanessa an, dann schloss sie hastig die Hand um den Schal, als stünde zu befürchten, Vanessa könne es sich anders überlegen. Im nächsten Augenblick stürzte eine andere Frau auf sie, versuchte, ihren Fingern den Schal zu entwinden. Zwei weitere Frauen kamen hinzu und ein Mann, der kurz darauf wieder davonlief, die weiße Seide wie ein Siegesbanner über dem Kopf.

Vanessa starrte ihm nach. „Aber wie kann er …“

„Er hat Hunger, so wie jeder hier. Und vielleicht hat er eine Frau und Kinder.“ Jordan umfasste ihren Arm und zog sie weiter, als bestünde plötzlich Anlass zur Eile.

Sie gingen weiter, durch schmale Gassen und breitere Straßen und gelegentlich glomm auch hier festliche Stimmung auf in einem gesummten Lied, in dem Geruch nach gebackenem Brot oder gekochtem Hammeleintopf, den man im Vorbeigehen flüchtig wahrnahm. Schließlich gelang es Jordan, eine Droschke anzuhalten. Er öffnete den Schlag und half Vanessa hinein.

„Ich hab es nicht so gemeint“, sagte er kaum hörbar.

„Jordan.“ Sie legte die Hand auf seinen Arm, ehe er den Kutschschlag schließen konnte. „Wenn du dieses Mädchen siehst …“

„Lady Glanworth“, die Verlorenheit wich mit jener spöttischen Anrede aus seiner Stimme, „ich weiß nicht, warum Ihnen gerade an dieser gelegen ist, aber wenn sie jeden Tag da war und heute nicht, ist sie entweder schwer krank oder tot.“ Er schloss den Schlag und die Kutsche fuhr mit einem Ruck an, verließ das Elendsviertel, überquerte die Themse. Vertrautheit floss zusammen mit dem weichen Licht der Laternen, dem Stimmgewirr, den Gerüchen durch die Straßen. Vanessa jedoch war es, als mische sich ein bitterer Geschmack hinein, den sie bereits vor ihrem Aufbruch ins Westend gekostet hatte und der jetzt wie in Schlieren auf ihrer Zunge lag. Sie verließ die Droschke und ging langsam die Straße hinauf, stetig Schritt für Schritt einem Zuhause näher, das keines war, in Begleitung eines Bildes, das ein erfrorenes Mädchen in den Gassen zeigte, dessen starre Hände abgebrannte Zündhölzer hielten. Wieder stellte Vanessa sich vor, wie sie mit Sidney durch die Straßen ging, wie der Blick seiner kühlen blauen Augen nachlässig über all das hinwegglitt, was nicht in seine Welt gehörte. Erinnerst du dich an das Mädchen mit den

Schwefelhölzern?

Als sie erneut an jener Stelle vorbei kam, an der das Mädchen noch am Vorabend gesessen hatte, blieb sie stehen und sah sich um, als könnte sie es übersehen haben. Schließlich fasste sie sich ein Herz und ging zu einem Mann, der gefüllte Teigtaschen anbot.

„Verzeihung“, sagte sie, und der Mann sah sie in Erwartung eines Geschäfts so hoffnungsvoll an, dass sie es nicht übers Herz brachte, ihm dies zu verweigern. „Hier hat bis gestern ein Mädchen gesessen“, fuhr sie fort, während sie bezahlte. „Es hat Zündhölzer verkauft. Wissen Sie vielleicht, wo es heute ist?“

Der Mann schien sich augenblicklich zu erinnern, denn ein Lächeln zerfurchte sein Gesicht, grub tiefe Falten in seine Augenwinkel. „Ja, die ist heute schon mittags wieder heim. Ein Herr hat ihr alle Schwefelhölzer abgekauft, die sie hatte. Lebt zusammen mit ihrer Großmutter, die Kleine.“

Die Freude tanzte als wilder Taumel in Vanessas Brust, und sie erwiderte das Lächeln des Mannes. Sie wünschte ihm ein schönes Fest und ging beschwingten Schrittes heim. Die Dunkelheit wirkte klarer, durchscheinend, die Stimmen um sie herum freundlicher und auf einmal war die Aussicht auf ihr warmes Zuhause geradezu verlockend. Vanessa schenkte die heiße Teigtasche einer Frau, die künstliche Blumen als Zierrat für Haar und Kleidung verkaufte.

Aus den Fenstern der Häuser fiel goldener Lichtschein auf die Straße, Laternen erhellten die Auffahrten und Eingänge, vereinzelt rollten Kutschen vorbei, hochherrschaftlich mit glänzend gestriegelten Pferden.

Das Stubenmädchen öffnete Vanessa die Tür, nahm ihr Mantel, Muff, Handschuhe und Pelzkappe ab. Die Eingangshalle strahlte im Schein der Kerzen, die zur Feier des Tages das Gaslicht ersetzten, und deren warmer Schimmer sich im honigfarbenen Parkett spiegelte. Ein Blick auf die große Standuhr sagte Vanessa, dass sie spät dran war, und sie eilte in den kleinen privaten Salon, der an das Speisezimmer grenzte.

„Wo bist du so lange gewesen?“ Sidney hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und stand in der Wärme vor dem flackernden Kaminfeuer – das Vorrecht des Hausherrn. Kühl waren seine Augen, graublau wie Eisgletscher. „Einige Besorgungen erledigen“, murmelte Vanessa. Der Abend hatte sie erschöpft und die frohe Stimmung verflog angesichts Sidneys finsterer Miene. Wieder tauschte sie eine Kälte gegen eine andere. Sie trat neben ihren Ehemann an den Kamin und hielt die Hände über die Flammen. Unvermittelt dachte sie an eine Dezembernacht viele Jahre zuvor, als sie ebenso neben ihm gestanden hatte, im Haus ihrer Eltern. Er, der Neffe eines Freundes von Vanessas Vater, sie die einzige Tochter des Hauses. Natürlich, so Vanessas Vater in jener Nacht, würden die Männer bei ihnen wohnen, sie seien die Gäste der Familie von Gravenhorst über die Feiertage. Und jener N

Nacht vor dem Kamin im Salon ihrer Eltern waren andere gefolgt, durchwacht vor dem Kamin in Sidneys Zimmer. Vanessa blickte über die Schulter zu ihm auf. Erinnerst du dich?

Sidney verließ den Platz vor den Kamin und zog am Klingelstrang, wies das eintretende Dienstmädchen an, die Kinder bringen zu lassen und sich darum zu kümmern, dass das Festmahl aufgetragen wurde. Vanessa ging ihm voraus in den Speisesaal mit dem prachtvoll gedeckten Tisch, in dessen Mitte ein silberner Kerzenhalter stand. In dem Begriff, die Kerzen zu entzünden, zog Vanessa die Schublade einer Kommode an der rückwärtigen Wand auf, in der sie die Zündhölzer verwahrten, hielt inne, erstaunt, ungläubig, dann berührte sie mit den Fingern die kleinen Bündel Hölzer, mehr, als sie in einem Jahr würden aufbrauchen können. Als sie Sidneys Schritte auf dem polierten Parkett hörte, drehte sie sich langsam um und sah ihn an. Er hob fragend eine Braue, dann glitt sein Blick zu der offenen Schublade und er zuckte mit den Schultern, lächelte, als sei er bei einer Schwäche erwischt worden, die er nun unweigerlich gestehen musste. Das Eis in seinen Augen taute und er fragte: „Erinnerst du dich an das Mädchen mit den Schwefelhölzern?“

Auch zu Beginn meines Romans „Villa Conrad *“ ist gerade Weihnachten, wenngleich nicht im Viktorianischen England, sondern in Frankfurt Ende der 20er Jahre:

„Der Großindustrielle Günther Conrad befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Doch während seine älteste Tochter Clara alle Erwartungen erfüllt und den Unternehmer Eduard Jungbluth heiratet, entpuppt sich Conrads Sohn und künftiger Nachfolger Raiko als Pantoffelheld. Die meisten Sorgen bereiten Conrad aber seine beiden jüngsten Kinder, die Zwillinge Sophia und Ludwig. Sie verbringen ihre Zeit lieber mit Schauspielern als in der besseren Gesellschaft. Als sich Sophia in den Sinto Vincent Rubik verliebt, bahnt sich mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten eine Katastrophe an. Denn Sophia geht für ihre Liebe Risiken ein, die sie und ihre Familie in den Abgrund zu reißen drohen …“

2 Kommentare zu „Adventskalendertürchen 3 – Nora Elias / Laila El Omari

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  1. Was für eine wunderbare Geschichte, verpackt darin eine Hommage an den wunderbaren Hans Christian Andersen!
    Frohes Fest – Bleibt gesund! 💫

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