Loyalitäten – Delphine de Vigan

[Werbung / Rezensionsexemplar]

Die Bücher von Delphine de Vigan schätze ich ja sehr, sie erzählt Geschichten, ohne zu schwafeln. Keine Seiten langen Erklärungen, keine ausschweifende Charakterzeichnung, bei ihr ist man in kürzester Zeit in der Geschichte drin, weiß wie die Charaktere ticken und erkennt das Problem.

Ich schätze solche Texte sehr und bereits bei „Tage ohne Hunger“ konnte sie mich überzeugen und wenn ich auch nicht immer mit ihren offensichtlichen Ideen und Rückschlüssen, die sich zwischen den Zeilen leicht finden lassen, konform gehe, so ist es doch so, dass sie mich mit ihren Büchern einfängt und unterhält und vorallem zum Überdenken meiner eigenen Verhaltensweisen und Grundsätze anregt.

Das ist auch bei Loyalitäten so. Sie holt mich ab, nimmt mich mit zu Theo und Mathis und Helen und auch zu Cecile. Wir begleiten diese Figuren mit ihren Besonderheiten, die so absonderlich gar nicht sind, sondern der vollkommenen Alltäglichkeit unseres Lebens entstammen und gerade deshalb so bedrückend sind. Der eine hat Probleme mit seinem depressiven Vater und seiner frustrierten Mutter, der andere weiß nicht recht, wo sein Platz im Leben ist und wie er seinem Freund beistehen soll. Die nächste ist hin und her gerissen, zwischen Vermutung, Verdacht und Realität und ihrer eigenen Geschichte und Cecile, nun Cecile spricht mit sich selbst, damit sie nicht mit ihrem Sohn oder Mann reden muß.

Für mich war das eine sehr beklemmende und atemberaubende und sehr tiefe Geschichte auf nur 173 Seiten erfahren wir Abgründe, wie es manch anderer Autor auf 500 Seiten nicht schafft an uns zu transportieren. Wir erleben Freude, Hass, Trauer, Einsamkeit und Trunkenheit. Den Willen zu Helfen und die äußeren Zwänge, die einen davon abhalten es richtig zu tun, obwohl alles in einem schreit. Ich kenne das, wer mein Buch gelesen hat (ich verweise selten darauf, an der Stelle paßt es aber gerade sehr gut) weiß, dass ich an einem Jugendlichen wie Theo gescheitert bin, nicht nur ich, wir alle damals, daher ist mir dieses Buch hier so nahe gegangen und ich lege es jedem ans Herz, der mit Jugendlichen arbeitet. Denn manchmal muß man auf sein Herz vertrauen, nicht auf Regeln, nicht auf Konventionalitäten, manchmal muß man einfach das tun, was einem die kleine Stimme im Kopf einflüstert, weil es richtig ist, weil es sich lohnt und weil das Bauchgefühl unser wichtigster Radar ist.

Delphine de Vigan läßt den Leser am Ende ihrer Geschichten gerne allein und überläßt es ihm, sich ein Ende zu überlegen. Die Geschichte im Kopf weiter zu spinnen. Das tut sie auch hier, oft bin ich davo genervt, diesmal nicht. Diesmal paßt es und ich kann mir mein Ende für Theo aussuchen, kann es schön oder schrecklich machen. Danke dafür.

Loyalitäten ist im Dumont Buchverlag erschienen.

4 Gedanken zu „Loyalitäten – Delphine de Vigan

  1. Pingback: An jedem verdammten Sonntag 09.12.2018 | jetztkochtsieauchnoch

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