Frauen & Macht – Mary Beard

Nun, bis vor wenigen Woche lebte ich aufgrund meiner Erfahrungen, meines Lebens und der Erziehung meiner Eltern und der Reaktionen meiner Umwelt in der trügerischen Sicherheit, dass mein Geschlecht eigentlich nie eine Rolle spielt und dass ich sein kann, was ich will, werden kann was ich will und machen kann was ich will.

Kein Ziel zu hoch, kein Weg zu weit.

Ich habe in meinem bisher 36jährigem Leben nie erlebt, dass mein Geschlecht mich begrenzt, dass ich (abgesehen vom „im Stehen pinkeln“) etwas nicht tun könnte, was ein Mann tun kann.

Ich bin als kleines Mädchen BMX gefahren, hatte ein eigenes GoKart, meine beiden älteren Brüder haben mich mitgeschleift zum Fußball und Boxen. Ich bin geritten, wie der Wind und zwar nicht nur die Mädchenreiterei mit Schleifchen in Ponyhaare flechten, sondern richtig geritten, mit Rennen über Stoppelfelder, runterfallen aufstehen, weiter reiten.

Als junge Frau habe ich natürlich all die unschönen Erfahrungen gemacht, die zum Frau werden auch in unserer heutigen Gesellschaft noch dazu gehören, von unpassenden Bemerkungen älterer Männer bis zu tatsächlicher sexueller Gewalt war da alles dabei, das habe ich aber tatsächlich immer auf mich persönlich bezogen und bin überraschend gut damit klar gekommen, nie habe ich dies als generelles Problem aller Frauen und tatsächliches Problem der Gesellschaft angesehen. Es war meine Geschichte, nicht die aller Frauen. Ich hatte einfach Pech, falsche Männer, falsche Momente, falscher Ort. Zumindest war das bisher meine Erklärung dafür.

Dann ergriff ich einen Beruf, der damals in den 90ern tatsächlich immer noch recht männlich dominiert war und in den nur langsam Frauen strömten. Jetzt sind wir zumindest in den Großstädten gut auf 50/50 aufgeteilt und ich war recht stolz darauf, dass ich meinen Weg gegangen bin, obwohl ich kleiner und leichter als 99% meiner Kollegen bin und das obwohl Kraft, Gewalt und Körperlichkeit in meinem Beruf durchaus eine Rolle spielt. Nie bin ich an Grenzen gestoßen, die mir durch mein Geschlecht gesetzt worden wären. Im Gegenteil, Frauenförderung und Frauenquote spielen bei uns eine große Rolle und ich fand es tatsächlich nie sonderlich gut, aus diesen Gründen gefördert zu werden, da es mir nicht nötig erschien. Ich wollte anerkannt sein, ich wollte auf meinem Posten sitzen, weil ich ihn ausfüllen kann und nicht weil ich Brüste habe und man gerade wen braucht, der mit den Dingern austestattet ist und nett lächelt. Daher war bis vor wenigen Monaten Feminismus für mich wirklich kein Thema, das mich in irgendeiner Form angesprochen oder beschäftigt hätte.

Nun ist es aber so, dass ich mich mit den Zielen, die ich bisher sehr gut erreicht habe, nicht zufrieden geben möchte, ich möchte etwas weiter gehen, etwas mehr bewegen, etwas mehr erreichen und plötzlich tauchen da Sprüche und Gespräche auf, die ich bisher nicht wahrgenommen habe, die ich nicht führen mußte. Aufeinmal ist mein Geschlecht doch ein Thema und es scheint wichtig zu sein, wie ich meine Familie organisieren möchte, wenn ich weiter voran gehe, oder ob ich mental den Belastungen gewachsen bin. Kollegen fragen, warum ich mir den Streß antun möchte, ich könnte doch auch Teilzeit arbeiten und vom Gehalt meines Mannes gut leben. Auch meine gewünschte Kinderlosigkeit spielt plötzlich wieder eine Rolle, hatte ich doch gehofft, dass sich die Gespräche, über die Gebärfunktion der Frau und meiner tickenden inneren Uhr bei Erreichen eines gewissen Alters erledigt haben würden. Aber Fehlanzeige… da sind sie wieder.

Diese Erfahrungen in den letzten Wochen haben mich anfangs nur leicht irritiert, irgendwann dann massiv geärgert und mittlerweile gehen sie mir wirklich auf den Wecker. Ich begreife sie nicht, weil ich dies bis vor Kurzem eben nie in der Form wahr genommen habe. Es scheint also so zu sein, dass Frauen mittlerweile durchaus auch in Männerberufen arbeiten dürfen, dass sie Führungsaufgaben übernehmen dürfen, dass es aber offenbar immer noch nicht gänzlich normal ist, wenn sie wirkliche Positionen mit einer gewissen Macht anstreben. Selbst Männer, die ich für sehr aufgeklärt, aufgeschlossen und tatsächlich sogar feministischer als mich halte, haben mir ihre Bedenken dargelegt, nicht im Zweifel an meinen Fähigkeiten, sondern im Zweifel, ob ich mich diesem Druck wirklich aussetzen sollte, der auf mir als Frau in einer solchen Position anders lasten würde.

Ein gutes Beispiel fand da vor Kurzem statt, Dr. Lesmeister, leitet seit kurzem den Bereich Polizei im Innenministerium in NRW. Sie war vor ihrem Jurastudium Polizeibeamtin und hat eine durchaus eindrucksvolle Vita, ich gestehe, ich hätte sie auch als Innenministerin durchaus gut gefunden. Nun hat sie einige nicht ganz unumstrittene Entscheidungen getroffen und in der öffentlichen Diskussion der sozialen Medien fand man dazu leider wenig Sachliches. Anstatt auf der Sachebene zu diskutieren wurde ihr die Fähigkeit und Eignung, sowie das Fachwissen für ihren Job abgesprochen, dabei spricht und entscheidet sie über Dinge, die sie eben aus ihrem eigenen Leben und ihrem Erfahrungsschatz sehr gut kennt, es reichte jedoch, folgte man so manchem Kommentar im Internet, einfach nur blond, weiblich, jung und gutaussehend zu sein, um jegliche Fachkenntnis abgesprochen zu bekommen. Ehrlich, ich fand diese Diskussionen ermüdend und furchtbar rückständig. Wie sich da mancher Mann aufspielte, war schlicht lächerlich.

Diese Diskussionen, meine eigenen Erfahrungen und eben meine nun etwas wacheren Augen auf die Geschehnisse mit Frauen in Machtpositionen um mich herum, haben in mir aber den Wunsch ausgelöst, diese Mechanismen und Überlegungen zu verstehen und zu begreifen und mein Stapel ungelesener Bücher wuchs um feministische Literatur deutlich an.

Das erste Buch, dieser Art, das ich nun gelesen habe war „Frauen & Macht“ von Mary Beard. (Amazon-Affiliate-Link)

Das Buch gibt zwei Ihrer Vorträge wieder, den Sie ( Historikerin und Professorin in Cambridge ) 2014 bzw. 2017 gehalten hat. Sie nimmt dabei Bezug auf damals aktuelle politische Ereignisse, zieht Beispiele heran und belegt an historischen Details, wie das Frauenbild der Antike unser heutiges Dasein immer noch beeinflußt. Auf den ersten Seiten war ich ein wenig gelangweilt und wollte eher nicht lesen, wie sie Beispiele aus Homers Odyssee hervorkramt und mit heutigen Frauen vergleicht, das erschien mir zu theoretisch, zu konstruiert. Dennoch habe ich mich auf ihre Wort eingelassen und mußte nach wenigen Seiten feststellen, die Frau hat leider Recht. Sie bringt Beispiel, die aufzeigen, dass wir Frauen natürlich viel erreicht haben in der Gesellschaft, dass wir Stimmen haben, die gehört werden, dass es aber leider immer noch so ist, dass Männer in Anzügen und mit kahlen Schädeln die Entscheidungen treffen, ist uns allen gerade erst wieder in Erinnerung gerufen worden, als Herr Seehofer sein ausschließlich männliches Team des Innenministeriums der BRD vorstellte.

Beard ist dabei witzig, ein wenig fordernd und argumentiert aus meiner Sicht sehr klug und überlegt.

Eine wunderbare Karikatur, die sie in ihrem Buch erwähnt, aus den 90ern ist unterschrieben mit den Worten:

„Das ist ein hervorragender Vorschlag, Miss Triggs.

Vielleicht möchte einer der Herren hier in vorbringen?“

Leicht belustigt hatte ich diese Karikatur am Abend gelesen und mich zufrieden in die Kissen gekuschelt, fest davon überzeugt, dass eine solche Besprechung heute nicht mehr möglich sei und ich auch noch nie erlebt habe. Am nächsten Morgen saß ich in einer Besprechung und eine meiner Kolleginnen machte eine sehr kluge und überlegte Anmerkung, allerdings leider sehr leise, so dass sie in die allgemeine Diskussion nicht aufgenommen wurde. Keine zwei Minuten später wiederholte der neben ihr sitzende Kollege ihre Worte, sogar mit dem Hinweis „XY hat gerade gesagt…“ und nicht wirklich lauter und es war verblüffend zu sehen, dass er sofort wahrgenommen wurde. Nun mag mir dies nur so aufgefallen sein, weil ich eben am Vorabend Mary Beard gelesen hatte, ich begann jedoch mich zu fragen, wie viele dieser Situationen in meinem bisherigen Leben mir schon entgangen waren, weil ich sie nicht beachtet oder anders gedeutet hatte. Ab diesem Moment begann ich „Frauen & Macht“ unter einem noch anderen Gesichtspunkt zu lesen, nämlich meiner eigenen Erinnerung.

Der Text des Buches ist wirklich nicht lang, kurzweilig, interessant und inhaltsreich. Beard beschränkt sich aufs Wesentliche, stellt Vergleiche an, zieht Beispiele in ihre aktuellen Überlegungen mit ein und macht das Problem von „Frauen & Macht“ verständlich.

Sie plädiert für eine neue Wahrnehmung von Frauen in der Gesellschaft, die Abkehr von antiken Verhaltensweisen und eine weltoffenere Sicht, alles Dinge, die auch mich erfreuen würden.

Auch ihr Einwand, dass so manche Frau nur mit Macht ausgestattet wird, um ihr Scheitern zu beobachten und dieses dann erneut zu instrumentalisieren, fand ich äußerst spannend und bei genauer Überlegung finde ich auch darfür Beispiele in meinem Umfeld.

Beard zeigt auf, dass es selbst in der heutigen Zeit immer noch nötig ist, sich als mächtige Frau der Männerwelt anzupassen, sie bringt hier Clinton und Merkel als Beispiel, wie sie in sehr männlicher Geste sich mit Hosenanzügen bekleidet begrüßen und Beard hat auch hier Recht, könnte auch nur eine von uns sich vorstellen, wie die Szene wirken würde, stünden dort nicht Merkel und Clinton, sondern zwei sehr weiblich gekleidete Frauen, die ihre Reize nicht in Hosenanzügen verstecken, sondern betonen? Natürlich wäre klar, was die Presse schreiben würde, die Sachebene wäre sofort verlassen und die Optik ein Thema. Ach ich könnte noch so viel dazu schreiben, mir so viele Gedanken dazu machen, wie sehr mich diese Rollenbilder und Vorgaben unserer Gesellschaft traurig und müde stimmen, aber ich will zum Ende kommen und dieses Büchlein einfach jedem (durchaus auch Männern oder gerade diesen) ans Herz legen, die glauben, es sei doch alles fein, wir hätten Wahlrecht und Frauenquoten und alles ist auf einem guten Weg…. ist es nicht. Wir haben einen langen zu Weg zu gehen und auf unseren Highheels kann der ganz schön beschwerlich werden.

Ich persönlich bin übrigens zu meinem Auswahlgespräch sehr bewußt im Rock erschienen…. ohne Mary Beards Buch wäre ich vermutlich wie alle anderen meiner Mitbewerberinnen im blaugrauschwarzen Hosenanzug aufgelaufen. Ob es was nutzt oder geschadet hat? Noch weiß ich das nicht… wir werden es sehen.

Mein Interesse am Feminismus ist auf jeden Fall erstmal geweckt und ihr werdet hier in Zukunft weitere Rezensionen dieser Art lesen.

Gerne dürft ihr mir auch Bücher dieser Art empfehlen, ich fühle mich gerade wie ein Schwamm, der aufsaugt, was ihm vorgesetzt wird und filtert, was für ihn wichtig und relevant ist.

Beards Buch war es und hübsch ist es noch dazu, um mal eine gänzlich weibliche Beurteilung loszuwerden.

11 Gedanken zu „Frauen & Macht – Mary Beard

  1. Ich bin sehr angetan von deinen studierten Buchbesprechungen, insbesondere von diesem hier. Und ich glaube, vielen jungen Frauen geht was ähnlich, sie erleben jegliche Art von Diskriminierung, ohne sie als das wahrzunehmen, was sie ist, nämlich schlicht und einfach der Ausdruck männlichen Machtgehabes. Da ist dieses Buch ganz bestimmt ein Augenöffner, Ich werde es auch ganz sicher lesen. Mir hat vor über 30 Jahren die Lektüre von Simone de Beauvoirs Memoiren und ganz besonders „Das andere Geschlecht“ sehr geholfen, mir meiner Situation bewusst zu werden. Obwohl diese Bücher über 60 Jahre alt sind, haben sie nichts von ihrer Aktualität verloren.
    Dir wünsche ich viel Erfolg und Durchhaltevermögen.

  2. Hallo,
    wirklich ein sehr interessanter Beitrag! Erinnert mich an „Spiele mit der Macht“ von Marion Knaths. Ein sehr lehrreiches Buch wie man sich in einer männerdominierten Gruppe Gehör verschafft. Ich bin im Moment auch ziemlich sauer, aber nicht weil ich eine 37 jährige Frau bin, nein, ich bin auch noch Mutter und arbeitssuchend und stelle fest: Kinder sind irgendwie nicht vorgesehen, höchstens um den ganzen Tag in der Kita zu verbringen damit man natürlich Vollzeit arbeiten kann. Warum sollte man als promovierte Biologin auch Teilzeit arbeiten wollen wenn es doch gut ausgebildete Fachkräfte gibt die sich um die Kinder kümmern können.
    Glückwunsch zum Rock und zum Kampfgeist!
    Viele Grüße, Klara

    • Danke Klara, ich finde es gerade halt sehr verstörend, dass egal wie man sein Leben leben möchte, andere der Meinung sind, sie wüssten besser, was man wirklich tun soll und will. Egal ob als Kinderlose mit Karrierewunsch oder Mutter mit Teilzeitambition, es muss doch möglich sein, beides zu verwirklichen. Ich drück dir die Daumen!

  3. Spannend, sehr spannend. Ich versuche gerade, in einer sehr männlich dominierten Domäne Fuß zu fassen und beobachte erstaunt-amüsiert, wie die männlichen IT-Nerds in Diskussionen oder bei Fragen mit so manchen meiner Kommentare umgehen… Dein Text ist auch herrlich geschrieben: Klug und witzig, danke dafür. lg, Gabi

    • Gerne Gabi, manchmal bin ich auch erstaunt und amüsiert, in den letzten Tagen weicht das Amüsement allerdings einem leichten Zorn, mal sehen, wie lange ich den witzig verpackt bekomme…

  4. Ach Jane, du sprichst hier ein Thema an, über das ich mir ständig Gedanken mache. Anders als Du habe ich einen Beruf ergriffen, der fast nur von Frauen ausgeübt wird. Die guten Jobs bekommen allerdings nach wie vor fast immer die wenigen Männer…langsam ändert sich was, aber von echter Gleichberechtigung sind wir immernoch meilenweit entfernt!
    Aber wer weiß, vielleicht konntest Du im Auswahlgespräch ja überzeugen – trotz (oder gerade wegen?) des Rockes!
    Liebe Grüße, Katha

    • Wir werden sehen. Deine Beobachtung kann ich allerdings auch bestätigen. Selbst in frauendominierten Branchen sind die Entscheider in der Regel Männer. Das war auf der Handarbeitsmesse sehr gut zu sehen. Die Neuheiten vorgestellt und erklärt haben Frauen. Die großen Deals abgemacht, Männer….

  5. Pingback: An jedem verdammten Sonntag 01.04.2018 | jetztkochtsieauchnoch

  6. Danke für diese tolle Buchbesprechung. Diskriminierung von Frauen findet sich an fast jeder Ecke und ich habe das Gefühl, dass sich die Gesellschaft, die schon auf einem, wie ich mal glaubte, besseren Weg war, wieder in die falsche Richtung entwickelt. Die Reaktionen auf die Twitter-Aktion #aufschrei (vor ein paar Jahren) und #metoo gehören auch in diesen Bereich. Ein ganz wichtiges Buch für den Feminismus ist, finde ich, von Ursula Scheu, „Wir werden nicht als Mädchen geboren“. Als meine Kinder geboren wurden, war ich mir sicher, sie nicht geschlechterkonform zu erziehen, trotzdem war mein Sohn ein erkennbarer Junge, meine Tochter ein typisches Mädchen. Nach dem Lesen dieses Buches wusste ich dann auch warum. Es ist kein Erziehungsratgeber, sondern hat ganz grundsätzlich mit frühkindlicher Entwicklung, und dem Einfluss der Umwelt darauf, zu tun. Und die Tatsache, dass es bereits vor 20 Jahren erschienen ist, hat (leider) keinen Einfluss auf die Aktualität des Titels.
    Ich bin ziemlich betroffen davon, wie wenig die Aktionen unserer Mütter in den Köpfen der Männer bewegt haben (und auch in den Köpfen vieler Frauen, da müssen wir auch ehrlich sein), und dass wir für die gleichen Themen wie sie auch heute wieder auf die Straße gehen müssten. Ein schwieriges Thema, über das man viel berichten und streiten kann, und das eigentlich schon lange kein Thema mehr sein sollte. Ich hätte meiner Tochter, die jetzt 26 ist, und auch allen anderen jungen Frauen mehr Akzeptanz gewünscht und viel weniger fruchtlose Diskussionen mit Männern.
    Schöne Grüße
    Kristin

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