Tage ohne Hunger – Delphine de Vigan

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Am Wochenende hab ich Delphine de VigansTage ohne Hunger“ beendet.

Ich habe von ihr schon „No & ich“ als Hörbuch gehört und war damals nicht 100prozentig zufrieden, vermutlich weil sich ihre Texte aus meiner heutigen Sicht eher nicht als Hörbuch eigenen. Sie erzählen zwar grundsätzlich eine abgeschlossene Geschichte, bestehen aber häufig aus Fragmenten, Gedankengängen und lassem dem Leser sehr viel Raum für eigene Ideen. Das funktioniert für mich bei einem Hörbuch schlechter, als bei einem gelesenen Text.

Tage ohne Hunger“ habe ich also gelesen und war von der ersten bis zur letzten Seite hingerissen. Wie der Titel vermuten läßt, geht es um eine Essstörung, den Leidensweg, den Weg zur Heilung und die Probleme, die man mit sich ausfechten muß. Es ist ein sehr bedrückendes und intensives Buch und durch die Schilderung der Gedanken der Protagonistin ist man sehr nah am Geschehen dran. Es wird nicht auf den Ekel gesetzt und die widerlichen Dinge, die man als essgestörter Mensch teilweise tut, werden eher angedeutet, als wirklich im Detail beschrieben, das fand ich gut und hat mir absolut gereicht.

Ich persönlich habe ja diverse sehr persönliche Erfahrungen in meinem Leben mit Personen gemacht, deren Verhältnis zum Essen ein etwas anderes war und auch ich konnte meine Mahlzeiten nicht immer in der Form genießen, wie ich es heute zum Glück kann. Für mich war das Buch trotzdem sehr gut lesbar und ich fühlte mich verstanden, bzw. habe sehr vieles wieder erkannt. Für eine Person, die akut in einer Behandlung ist würde ich das Buch allerdings wirklich nur bedingt empfehlen, es ist drastisch, es triggert, es zieht einen herunter, ob das in jeder Lebensphase immer das Richtige ist, sollte jeder selbst entscheiden.

Laure, die Protagonistin des Buches, ist ein etwas schwieriger Mensch, der sich aber eben kurz vor dem zu Spät sein, doch dafür entscheidet, die Hilfe einer Therapie anzunehmen. Sie thematisiert ihren Therapieverlauf, ihre Kontakte in der Klinik, sie selbst ist mit knapp 35 Kilo eingeliefert worden, andere Patienten sind aus anderen Gründen dort, und Laure beobachtet, anlysiert, schließt Freund und Feindschaften und ficht dabei ihren ganz eigenen Kampf mit sich selbst aus.

Sie beschreibt die Qual einer Magensonde, den Drang sich zu bewegen, um Kalorien zu verbrennen und die Probleme etwas zu essen. Sie tut das sehr eindrücklich und aus meiner Sicht auch für einen nicht Betroffenen sehr nachvollziehbar. Ohne große Erklärungen versteht man, was ihr Problem ist, warum sie so oder so handelt. Natürlich lassen sich Laures Probleme nicht auf jede Person mit Eßstörung übertragen, trotzdem hat mir hier die Schilderung von Laures Gedanken sehr positiv aufgezeigt, was einen Menschen bewegt und was andere Menschen in einem bewirken können.

Natürlich hat auch Laure ein problematisches Elternhaus, Schuldgefühle, Ängste, alles was zu so einer Eßstörung in der Regel dazu gehört, alles, was die Heilung noch schwieriger macht. Sie findet sehr oft Trost im Stricken (bzw. später auch in anderen Dingen), was mich sehr gefreut hat, schließlich hat auch für mich das Stricken hin und wieder eine (wenn auch andere) Art therapeutische Wirkung. Das hat mir sehr gefallen, dass hier mein liebstes Hobby in der Form erwähnt wurde.

Laures Schilderungen sind für mich nachvollziehbar, glaubwürdig und eher auf ihr Innenleben gerichtet, es geht hier nicht darum den Klinikalltag zu beschreiben oder ein Sachbuch für den Weg aus der Essstörung zu lesen, hier geht es wirklich um die sehr poetische Schilderung, was eine solche Störung mit einem macht, wie man sie besiegen oder es zumindest versuchen kann und dass sie einen im Grund niemals verläßt.

Ich fühlte mich von Delphine de Vigan nicht nur gut unterhalten, sondern wirklich begeistert. Das war für mich für 2017 eines der Jahres-Highlights auf dem Nachttischlesestapel und hat mich tatsächlich endlich längere Zeit am Stück wieder konzentriert lesen lassen.

Tage ohne Hunger ist als Hardcover im Dumont Buchverlag erschienen.

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