Antoine Leiris – Meinen Hass bekommt ihr nicht.

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Ich bin nicht ganz sicher, was ich bei diesem Buch eigentlich erwartet habe, vermutlich etwas Betroffenheitsliteratur, was fürs Herz, eben das, was man so erwartet, wenn die junge Frau eines jungen Journalisten gewaltsam zu Tode kommt und dieser dann damit an die Öffentlichkeit geht.

Sein Herz ausschüttet. Rührseligen Kram. Ein paar Platitüden habe ich erwartet, Nähe, ohne wirklich nah zu sein, viel Selbstdarstellung und vorallem viel Verklärung.
Erhalten habe ich letztlich etwas ganz anderes, sehr viele sehr persönliche Überlegungen, Reaktionen, Gefühle und Ideen, die nicht immer in meine Vorstellung paßten, aber genau das fand ich ausgesprochen gut. Dieser Antoine Leiris läßt den Leser teilhaben an seiner Unsicherheit, seiner Angst, seiner Stärke, seiner Trauer und seiner Hilflosigkeit. Dabei zeigt er sich selbst klar nicht immer im bestmöglichen Licht, sondern eben auch mal unsympathisch, ruppig oder rauh. Warum auch nicht, er hat seine Frau verloren, er darf all das sein und wenn es ihm gut tut, noch viel mehr.
An anderer Stelle habe ich Vorwürfe gelesen, dass Herr Leiris mit dem Leid seines Sohnes Geld verdient, dass er sympathische Interviews führt und dann sein Buch in die Kamera hält, tja, meine Meinung ist da sehr deutlich. Warum sollte er das nicht tun? Er wurde in die Situation gestoßen plötzlich gänzlich ungeplant für seinen Sohn sorgen zu müssen, Geld verdienen und das Kind versorgen wird schwierig, Mama ist nicht mehr da, warum also soll er nicht diese plötzliche Publicity nutzen, aus all dem etwas Positives erschaffen nicht nur seinen Sohn versorgt zu wissen, sondern eben auch gegen den überall sprießenden Hass anzuschreiben.

Klar zu machen, „Ihr habt mir meine Frau gestohlen, aber ich verzeihe euch, ich bin stärker als ihr!“
Das gelingt ihm gut.
Das Buch berührt, verstört, beruhigt und macht traurig, all das zugleich und mit geballter Emotion.
Es fällt mir schwer die richtigen Worte zu finden, aber das Buch sollte aus meiner Sicht jeder lesen, der Hetze verbreitet, jeder der selbst religiös fanatisch ist, jeder der jemanden verloren hat, den er liebte.
Leiris macht nicht alles richtig in seiner Trauer, aber wer würde das schon, er setzt sich jedoch sehr detailliert mit seiner Situation auseinander, er ist bedächtig und klug und mir hat das Lesen des Buches unheimlich viel gegeben.

Ich selbst habe keine Stunde für das Büchlein gebraucht, eine Stunde, die mir wichtig war.

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2 Gedanken zu „Antoine Leiris – Meinen Hass bekommt ihr nicht.

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