180 Grad Meer – Sarah Kuttner

unbenannt

Jule ist die Protagonistin dieses Buches und sie ist nicht sympathisch. Sie hat Ecken, sie hat Kanten, sie ist bockig, schwierig, anstrengend, verkopft und vorallem wütend. Eigentlich habe ich mit solchen Protagonisten immer meine Probleme, sie nerven mich sehr schnell. Bei Jule war das anders, Jules Wut und Aggression konnte ich verstehen, sie ging mir nahe, sie hatte Gründe, die meiner Wut sehr ähnlich sind. Jule war für mich Identifikationsfigur und Spiegel zugleich.

Nun gut, ich habe noch nie einfach mal so meinen Partner, den ich zu liebe glaube, betrogen und mich dann nach England abgesetzt, um mir die Meeresbrise um die Nase pfeifen zu lassen, aber grundsätzlich fand ich Jules Erklärungsversuche für ihr Verhalten, sehr treffend und gut. Ein bißchen versagt sie mir zu sehr auf ganzer Linie und auf der anderen Seite ist Papas Geld dann doch wieder da, um diese Probleme zu lösen, das fand ich etwas glatt, etwas leicht, aber wenn Jule keine finanzielle Möglichkeit gehabt hätte einfach mal auszusteigen, hätte es keine Geschichte gegeben. Kein Treffen mit dem Hund, kein wütendes das Meer anbrüllen, keine Trennung von Tim, Jules Freund und keinen Besuch bei der eigentlich nicht so gemochten Verwandtschaft.

Mir hat Jules Bockigkeit, die ich eben sonst so furchtbar bei Charakteren finde, sehr gefallen und das eben weil sie an mich erinnert. Ich will manchmal auch nicht reden, einfach nur sitzen. Ich will machmal auch einfach nur wütend sein. Dabei fand ich Jules Art sich mit ihrer depressiven und vereinnahmenden Mutter auseinander zu setzen und mit der Krebserkranung ihres eigentlich immer abwesenden Vaters umzugehen, sehr gelungen. Ihre Formulierungen paßten in mein Denken, in meine Wahrnehmung, nicht weil meine Kindheit jetzt gar so schrecklich gewesen wäre, sondern weil Eltern eben auch Menschen sind, die Fehler machen, Fehler haben und Fehler ertragen müssen und so erinnerte mich dieses Buch daran, dass jeder von uns so sein Päckchen Familienmüll mit sich herumschleppt, die einen mehr, die anderen weniger, aber ein bißchen Dreck gibt es in jeder Hütte. Den kann man akzeptieren, man kann ihn ignorieren, oder man kann sich, wenn es zu spät ist, darüber ärgern, dass man ihn nicht einfach mal weggeräumt hat.

Gut gefallen hat mir auch die Geschichte rund um Jule und den Hund. Das war herrlich schrullig und ein bißchen was fürs Herz, ohne kitschig zu sein.

Kuttner liefert hier ein deutlich reiferes, besseres und interessanteres Werk ab, als in Mängelexemplar, das mich damals nur auf halber Strecke überzeugen konnte.

Für 180 Grad Meer gibt es eine volle und totale Leseempfehlung, für jeden, Eltern, Kinder, Töchter, Brüder, Hundebesitzer und Meeresliebhaber. Das war so richtig schöner Seelenscheiß.

Lesen!

2 Gedanken zu „180 Grad Meer – Sarah Kuttner

  1. Pingback: An jedem verdammten Sonntag 23.10.2016 | jetzt kocht sie auch noch

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