Unterleuten – Juli Zeh

Unbenannt

Niemals hätte ich mir in der letzten Zeit ein Buch von Juli Zeh freiwillig gekauft, ausgesucht, gelesen. NIE!
Frau Zeh geht mir, fand ich sie früher doch mal irgendwie gut, mittlerweile gehörig auf den Geist. Omnipräsent und zu allem eine Meinung, die sich in den seltensten Fällen mit meiner deckt und ein Diskussionsverhalten, dass mich schlicht stört. Überheblich, milde lächelnd sitzt sie in den Talkrunden und verursacht mir Unwohlsein, selbst wenn ich dann einmal mit ihrer Meinung konform gehe, ärgere ich mich über sie.
Unterleuten wurde aber nun mal grandios besprochen, um mich herum äußerten die Leute, das musst du lesen, das musst du WIRKLICH lesen, das ist genau dein Ding.
Mich durchringen das Buch zu kaufen, konnte ich trotzdem nicht. Als dann aber mein Audible-Tag anstand und ich so keine Idee hatte, was ich denn als nächstes Hören wollte, da kam mir Unterlleuten vor den Klickfinger und wenig drüber nachgedacht, einfach mal geklickt. Es dauerte dann noch etwas, bis ich mich tatsächlich entschloss los zu hören und dann wurde ich tatsächlich überrascht.

Dieses Hörbuch ist sehr gut produziert und ansprechend gelesen von Helene Grass, die mir bislang als Sprecherin nicht bewusst in Erinnerung geblieben ist, hier aber eine sehr gute Leseleistung abliefert und der ich gerne zugehört habe. Ihre Stimme ist angenehm und die Betonung treffend. Es machte wirklich Spaß ihr zu zuhören.

Die Geschichte an sich fängt sehr gemächlich an, die Personen werden zunächst ohne wirklich erkennbaren Zusammenhang vorgestellt und jeder einzelne Erzählstrang wird nur langsam zusammen geführt. Das war aber durchaus geschickt konstruiert und führte bei mir keineswegs zu Ungeduld oder Langeweile, denn jede Seite der Geschichte ist durchaus spannend und erzählenswert.
Unterleuten, das kleine Kaff mit seinen Einwohnern, Problemen, Fehden und Intrigen ist liebenswert und dennoch verstörend, wohne ich selbst doch ebenfalls in einem Dorf mit zwei Kneipen, einem Bäcker und nicht viel mehr drum herum, konnte ich mich in die Situationen teilweise sehr gut hineinversetzen, fühlte mich an so manche dörfliche Begebenheit durchaus erinnert, wenn dies natürlich auch im Buch deutlich überzeichnet, aber eben unterhaltsam und glaubwürdig dargestellt wurde.
Einziger kleiner Aufreger für mich war die stereotype Darstellung der Ordnungshüter im Text, beim ersten Mal sind die pickeligen jungen und nicht ernstzunehmenden Uniformträger vielleicht ganz witzig, beim zweiten und dritten Mal hat sich das Bild aber abgenutzt und ich hätte Frau Zeh eine etwas kreativere Erklärung zugetraut, warum hier von staatlicher Seite keine Reaktion erfolgt.
Die ersten 3/4 des Buches haben mich unheimlich gut unterhalten, ich habe mit geknobelt, mit gehofft, mit gebangt und meine Idee gehabt, wer da mit wem und wie und warum herummauschelt.
Das letzte Viertel war für meinen Geschmack dann etwas zu klamaukig und platt, hier hätte ich mir eine etwas feinere und nicht so holzhammerige Lösung für so manchen Erzählstrang gewünscht. Trotzdem konnte ich mit den Abschlüssen aller Fäden durchaus leben und fand manchen sogar überraschend und gut.

Grundsätzlich bin ich von Unterleuten also recht angetan, zu meiner eigenen Überraschung. Vorallem hat es mir gefallen, wie differnziert hier die unterschiedlichen Meinungen, Motivationen und Denkstrukturen der Personen dargestellt wurden und es dem Leser überlassen wurde Sympathien und Antipathien zu bilden, ich mag es sehr, wenn die Charaktere nicht nur gut oder böse sind und man sich als Leser selbst entscheiden kann, wessen Verhalten man gut heißt und wessen man eher fragwürdig findet.

Als Hörbuch hat mich Unterleuten sehr gut unterhalten, trotz der Länge war es zu keinem Zeitpunkt zäh oder langweilig und jeder Satz hatte seine Berechtigung. Mir scheint, obwohl ich Frau Zeh immer noch nicht sonderlich schätze, könnte es zumindest doch so sein, dass ich ihre Art zu Erzählen und ihren Schreibstil mag, was mich überrascht. Das kann man ja dann durchaus auch anerkennen…

Besonders nett finde ich übrigens die Homepage und die angelegten Facebookprofile der Personen… Klick!

3 Gedanken zu „Unterleuten – Juli Zeh

  1. Pingback: An jedem verdammten Sonntag 10.07.2016 | jetzt kocht sie auch noch

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s