Fast Pefrekt – Erik Kessels

IMG_0511[1]

 

Eigentlich hatte mich in den Verlagsvorschauen das Buch „Fast Pefrekt – Die Kunst hemmungslos zu scheitern. Wie aus Fehlern Ideen entstehen.“ gar nicht angesprochen, ich hatte es schlicht und einfach überblättert. Dann wurde es mir nochmal von anderer Seite ans Herz gelegt und ich dachte: „Na gut, kann nicht mehr, als Scheitern.“

Dann kam das Büchlein hier bei mir an und ich mußte erstmal herzhaft lachen, denn zum einen findet sich der Tippfehler im Titel und zum anderen ist der Einband verkehrt herum. Das fand ich einfach nur gelungenes Design am Buch bei Dumont begeistern mich solche abgefahrenen Dinge in letzter Zeit immer öfter, seien es die Klarsichtumschläge der Murakami Bücher, oder eben hier jetzt diese kleine Besonderheit. Es löst etwas aus, es interessiert, es bereitet Freude und überzeugte mich, sofort einen Blick hineinzuwerfen, was der sonst eher schlichte Umschlag sonst nicht geschafft hätte.

Erik Kessels ist ein niederländischer Designer, Künstler, Fotograph, den ich tatsächlich nur kannte, weil ich kürzlich einen Artikel gelesen hatte, in dem es um seine Nominierung für den „Deutsche Börse Fotographie Preis“ ging und der mich neugierig und in eine Ausstellung im Kunstmuseum Bonn geführt hatte („Mit anderen Augen„). Seine Darstellung zum Thema „Einwanderer“ hatte mich hier im Vergleich zu einigen anderen Objekten tatsächlich nachhaltig beeindruckt und ich fand seine Herangehensweise an diese Thematik einfach bedeutsam und wichtig. Kessels übergreifendes Thema ist immer wieder die Amateurfotographie. Er zieht die Werke der Amateure immer wieder heran, um deutlich zu machen, wie wichtig auch diese für das Erzählen einer Geschichte sind und das ist auch in diesem Buch sein Thema, dass nicht Perfektion das Ziel einer Tätigkeit sein sollte, sondern Gefühl, Mut, Emotion das zentrale Thema ist. Nichts muß vollkommen sein, um einen vollkommenen Moment abzubilden, nichts perfekt, um sich an Schönheit zu erinnern.

Mir gefällt seine Herangehensweise und vorallem seine Art darüber zu schreiben und es mit Bildern darzustellen. Sein Buch hat mich leider viel zu kurz begeistert, sei es das überbelichtete Bild, der Schatten, der Gesichtszüge verzerrt oder der Finger auf der Linse, Kessels bringt zum Schmunzeln und zeigt, nicht was fehlerfrei ist gefällt, sondern was wir mit Liebe und Freude betrachten.

„Wenn alle Ihnen sagen, Sie sollten rechts abbiegen, sind Sie vielleicht besser dran, wenn Sie links abbiegen.“

Kessels würzt seine gesammelten Bilder mit solchen Schlausprüchen. Die einen erst hinterfragen lassen: „Was willst du eigentlich? Was befähigt dich, zu meinem Ratgeber zu werden!“ Die einen aber dann innehalten lassen und dafür sorgen, dass man denkt, warum nicht. Ich war schon immer so ein Mensch, der keine Angst davor hatte, Dinge zu tun, die nicht immer jeder gut heißt. Mein Blog ist das beste Beispiel dafür, ich zeige amateurhafte Bilder von meinen Kochversuchen, berichte laienhaft über Bücher, die ich las und zeige meine sicherlich häufig schauderlich fotografierten Strickstücke, die hin und wieder wirklich nicht tragbar sind. Manchmal fragen mich Leute, warum machst du das? Liest das überhaupt wer?

Die richtige Antwort ist, ich weiß es nicht. Ich habe aber Freude daran und wenn ich nur von einem lese, dass ihm mein eingelegter Käse in Olivenöl geschmeckt, meine Hilfestellung und Tipps zu einem Strickmuster geholfen oder der Hinweis auf ein Buch ihm schöne Stunden beschert haben, dann fühle ich mich bestätigt.

Und ich werde besser, meine furchtbaren Fotografien haben sich verbessert, ich überbelichte immer noch gerne und häufig, meine Bildausschnitte sind sicherlich meist fern jeder fotografischen Regel, aber, hey, ich habe SPASS und keine Angst davor, dass jemandem nicht gefallen könnte, was ich tue.

Genauso ist es mit meinen sportlichen Bemühungen, ja ich poste auch meine Läufe auf Facebook, bei denen ich von meinem angestrebten 5min/1km Schnitt so weit entfernt bin, wie Sibirien von den Malediven, es ist mir egal, ob dann jeder sieht, dass ich schon wieder gescheitert bin, wichtig ist mir zu zeigen, dass es oft schon schwer genug ist, seinen Hintern zu erheben und sich überhaupt zu bewegen und das es trotzdem jeder kann und dass man sich für Zeiten jenseits von Gut und Böse nicht zu schämen braucht, weil all die Flüsterer und Murmler im Hintergrund vielleicht schneller sind, aber eben nicht wissen welchen Kampf es bedeuten kann, überhaupt vom Sofa hoch zu kommen.

Erik Kessels spricht in seinem Buch viele Dinge aus, die ich häufig denke. Beruflich in Besprechungen gehöre ich oft zu den Menschen, die ihre Gedanken ungeplant herausblubbern, die nicht großartig darüber nachdenken, welchen Effekt es haben könnte, wenn ich dieses und jenes jetzt sage, mir ist es einfach wichtig meinen Gedankengang mitzuteilen und so vielleicht andere anzuregen nicht stumm da zu sitzen und zu hoffen, dass die Besprechung möglichst schnell vorbei ist und man bloß nichts beitragen muß, weil man könnte sich ja verzetteln, etwas Unpassendes sagen oder gar zu Gelächter animieren, sondern dass sich ein Gespräch ergibt, ein Austausch ein gegenseitiges Befruchten mit Ideen und Überlegungen, bei dem man natürlich auch einmal lachen darf. Warum haben Menschen eigentlich so oft Angst dafür für Erheiterung zu sorgen? Was ist schlimm, wenn Menschen auch mal über einen oder über sich selbst lachen? Ich tue das gerne und häufig, macht es mich kleiner? (Noch kleiner?) Nein, macht es nicht, im Gegenteil, es lockert sehr oft Situationen auf, es führt zu Mut bei anderen und es hilft so viel, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Wenn man nicht versucht perfekt zu sein, dann bringt es einen auch nicht aus dem Konzept, wenn die Kollegin einem nach einem Vortrag mitteilt, dass man Lippenstift am Zahn oder eine Laufmasche in der Strumpfhose hat. Wenn man sich darauf fokussiert, was man möchte und mit Begeisterung dabei ist, dann erreicht man häufig so viel mehr, als wenn man immer nur der Beste, der Schnellste, der Schönste sein will.

Apropos der Schönste, was ist denn schön? Ein perfektes Foto von einer Landschaft oder vielleicht nicht doch lieber ein etwas verwackeltes mit den besten Menschen der Welt darauf? Ich bin sicher nicht schön, ich bin 10 Zentimeter zu kurz geraten, habe zu viel Hals, zu wenig Kinn und seit neustem auch 5 kg zu viel auf den Rippen, dazu Sommersproßen, eine dicke Brille und leider überhaupt keine Augenbrauen, die meisten Fotos von mir sehen furchtbar aus, trotzdem würde ich nie jemanden auffordern: „Lösch das, da gefalle ich mir nicht!“ Das auf dem Bild bin ich, egal ob ich gucke, wie Graf Zahl oder getroffen bin, als würde mein Kopf direkt in meinen Hals übergehen. Das bin ich und ich mag mich, ich bin nicht perfekt, aber das will ich auch gar nicht sein. Ich habe schon mal einen Zahnpastafleck auf meiner Bluse oder die Jeans ist nicht gebügelt (ok, die Jeans ist nie gebügelt!), so ist das halt mit Menschen, da bleibt zwischen all den Ideen manchmal keine Zeit morgens die Haare zu kämmen, da muß es auch ein pinkes Zopfband tun, auch wenn ich sonst komplett in Rot gekleidet bin.

Ich, hätte all dies so gar nicht wirklich erkannt, es sind Dinge, die ich nun mal einfach so tue, Kessels hat in seinem Buch Worte dafür gefunden, Worte, die mir gefallen und Erklärungen, die ich positiv finde. Warum nach Perfektion streben, wenn ich auch so geliebt werde? Warum mich kaputt machen und versuchen organisiert, weniger chaotisch, ordentlicher und die Frau mit den schönsten geputzten Fenstern zu sein, wenn ich doch eigentlich die bin, deren Küche furchtbar aussieht, für deren Bolognese Soße aber viele Menschen ihr letztes Hemd geben würde, oder die deren Bett nie gemacht ist, die aber dafür in 5 Minuten noch schnell ein Acrylbild zaubert, wenn es zu einer Hochzeit geht und das Geschenk eher unkreativ eingepackt ist, oder auch die, die zwar morgens im Büro übelst gelaunt ist, dafür aber immer da ist, wenn jemand Hilfe braucht.

Ich glaube, ich kann damit leben, dass ich nicht in allem gut bin und Kessels Buch zeigt genau das. Wir müssen nicht alles können, aber wir können alles versuchen!

Kessels Buch hat mich also wirklich überrascht, seine kurzen Texte mit den Bildern haben mich bewegt, mich berührt und angesprochen und nein, ich bin kein Freund von Ratgebern, aber dieser Mann erteilt so kluge und unkonventionelle Ratschläge, die mich einfach erfreut haben.

Ich lege dieses Buch wirklich jedem ans Herz, der sich verbiegt, um seinem oder dem Ideal anderer zu entsprechen, jedem, der mit sich hadert, jedem der schon einmal versagt hat, jedem der sich für Kunst und Kommunikation interessiert und jedem, der offen für Neues ist und auch denen, die es nicht sind, jedem, der gerne liest und sogar denen, die es nicht tun, denn es ist kurz, du bist schnell durch und hast etwas für deinen Kopf und dein Selbstwertgefühl getan, ehrlich. Trau dich, tu es!

Danke für dieses fantastische Erlebnis!

Erik Kessels:

„Haben Sie das Selbstvertrauen, sich nicht darum zu kümmern, was andere denken.

Das ist immer riskant.

Wir gehören gern zur Herde. Wir mägen es, uns anzupassen. Wir möchten Menschen gefallen, das lässt sich nicht ändern. Und originelle ideen sind nicht immer sofort beliebt.

Sie werden hinterfragt, herausgefordert, geprüft und seziert.

Aber wenn sie gut sind, überleben sie.

Riskieren Sie es, nicht gemocht zu werden. Vielleicht gefällt es ihnen sogar.

Erfolg ist die Fähigkeit, von Misserfolg zu Misserfolg zu schreiten, ohne die Begeisterung zu verlieren.“

 

 

3 Gedanken zu „Fast Pefrekt – Erik Kessels

  1. Ich freu mich sehr über diesen Tipp! Das Buch wird definitiv gelesen!
    Danke für die tolle Rezi.
    Und als Bloggerkollegin kann ich Dir nur sagen, dass Deine Einstellung zum Bloggen genau das Richtige ist. Do what you want, but do what you love ❤
    Liebe Grüße,
    Sibel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s