Was wir nicht wußten – Tarashea Nesbit

 

Unbenannt

Tarashea Nesbit

Dumont Buchverlag

Dieses Buch der Frauen von „Los Alamos“ hat mich sehr gereizt, ein wenig historisch interessiert, ein bisschen sensationslüstern und natürlich schlichtweg neugierig war ich, wie diese Geschichte, die bislang in literarischer Form meines Wissens nach noch nicht bearbeitet wurde, wohl erzählt werden würde.
Dass es nicht einfach sein würde, diese Geschichte zu erzählen, ohne zu werten, ohne zu verurteilen, ohne skeptisch zu sein, ohne zu bejubeln, war mir klar.
Dass Frau Nesbit aber diesen eigenwilligen Weg der Erzählung in der Wir-Form gewählt hat, überraschte mich sehr. Die ersten paar Seiten dachte ich noch, „ist das jetzt ihr Ernst?“ und dann ließ ich mich darauf ein und dachte einfach nur noch „GRANDIOS!“ Durch ihre distanzierte Schilderung weckt sie beim Leser die Möglichkeit, selbst in die Rolle dieser Frauen zu schlüpfen und zwar nicht in irgendeine, sondern in alle jene, deren Schuhe einem passen. Kann man sich mit den aufgeregten etwas neurotischen Hühnern nicht so recht anfreunden, dann ist man halt die zupackende Macherin mit Hochschulabschluss, fühlt man sich dort nicht erkannt, kann man auf die Gedanken der mütterlichen etwas älteren Matrone zurück greifen. Durch ihr Wir gelingt es Tarashea Nesbit, die Geschichte dieser Frauen auf einmal und in einem Stück und aus jedem Blickwinkel zu beleuchten. Es werden Ängste genannt und Gegenmaßnahmen, es werden die Neugierigen erwähnt und die lethargisch schweigenden. Es wird deutlich, wie zerrissen man ist, als den Frauen und ihren Kindern bewußt wird, was sie und ihre Männer dort eigentlich getan haben.
Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dieser Erzählstil der weniger der einer Erzählung ist, nicht jeden überzeugen mag, nicht jedem gefällt, der gerne eine komplette Geschichte lesen möchte. Eine Geschichte, bei der er nicht selbst denken muß und in der alles schön schwarz weiss ist. Hier ist allerdings nichts schwarz weiss, hier ist alles sehr farbig, sehr schattiert, sehr abgründig, sehr intensiv.
Ich habe mich selten von einem Buch, das sich auf ein reales historisches Ereignis bezieht so angesprochen gefühlt. Selten wurden mir die Gedanken und Gefühle der agierenden Personen so nahe gebracht, selten die Unterschiedlichen Menschen so klar dargestellt.
Ich bin von diesem Buch absolut begeistert, es hat mich viele Tage lang begleitet und mich zum Nachdenken angeregt, mir aufgezeigt, wie unterschiedlich wir Menschen in unseren Gedanken, Gefühlen und Zielen sind und gerade in der heutigen Zeit, ist es ein wichtiges Buch, weil es zeigt, dass man die unterschiedlichen Gefühle und Ansichten der Menschen akzeptieren muß, dass man sie nun mal nicht ändern kann, wie es einem paßt und dass man manchmal auch in Dinge einfach so hereinrutscht, sie erst später begreift und mit ihren Folgen dann leben muß. Sie akzeptieren muß und sich vielleicht auch für das was man getan oder ausgelöst hat, entschuldigen muß.
Aus meiner Sicht hat Tarashea Nesbit hier einen ganz großen Roman unserer Zeit abgeliefert und ich würde wirklich wünschen, dass diesen Mut zu einem neuen Stil, einer neuen Art und einem literarischen Experiment sehr viel mehr Schriftsteller unserer Zeit hätten. Dies hier ist aus meiner Sicht, nämlich sehr gelungen und hat mir beim Lesen Freude bereitet und mich mehr als gut unterhalten und angeregt!
Danke dafür!

Ein Gedanke zu „Was wir nicht wußten – Tarashea Nesbit

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