Schwarz und Silber Paolo Giordano

Unbenannt

Schwarz und Silber von Paolo Giordano

Audiobuch Verlag

Sprecher: Heikko Deutschmann

Manchmal habe ich Anwandlungen, die ich selbst nicht ganz verstehe. Im Sommer ist mein Onkel nach langem qualvollen Leiden an dieser schrecklich garstigen Krankheit Krebs verstorben. Er wird vermißt und das sehr. Warum ich nun davon ausging, ich wäre plötzlich der emotionale Superman und könnte mir ganz ohne Tränen dieses Hörbuch anhören, weiß ich nicht. Vielleicht war ich auch einfach gedankenlos. Auf jeden Fall kam es irgendwie dazu, dass ich dieses Hörbuch während meiner Fahrt zu einer Fortbildung hörte. Auf dem Weg nach Neuss war es ungefähr bei Dormagen soweit, hektisch suchte mein Finger den Ausschalter des Autoradios und noch hektischer fuhr ich auf den Rastplatz, weil ich einfach weinen mußte. Dabei bin ich sonst eher nicht so ganz nah am Wasser gebaut, gut bei Filmen heul ich schon mal mit, aber bei Hörbüchern ist mir das noch nicht passiert.

Dabei ist das Buch eigentlich eher nüchtern und sachlich, die Emotionen schimmern eher unscheinbar aus kleinen Nebensätzen und Worten hervor, dabei ist es aber so authentisch, gibt mein eigenes Gefühl des Verlustes und der Trauer so gut wieder, dass ich an so vielen Stellen den Protagonisten trösten wollte und ihm mitteilen: „Ihr seid nicht allein!“ Dabei zeigt dieses Hörbuch auf, wie wichtig manche Menschen für uns sind und wie häufig wir ihren Wert erst dann erkennen, wenn sie uns langsam und grausam verloren gehen. Welche Auswirkungen so ein tiefer Verlust und die damit einhergehende Trauer haben kann. Ich glaube nicht, dass es klug von mir war, in meiner Situation dieses Hörbuch zu hören, es hat mich für einige Tage in einen tiefen Gefühlsstrudel gezogen und hätte mich fast ein bißchen ertrinken lassen. Aus diesem Grund habe ich auch so lange gebraucht, bis ich endlich die richtigen Worte, für diese Rezension gefunden habe. Jetzt im Rückblick, hätte ich mir einfach ein paar mehr Gedanken über meinen eigenen Zustand machen müssen, bis ich mich eher gedankenlos als tapfer an dieses Hörbuch wagte, das all das thematisiert, was mich selbst gerade so intensiv beschäftigte.

Versteht mich nicht falsch, dieser Text ist gut, sogar sehr gut. Intensiv und gleichzeitig distanziert, beobachtend und gleichzeitig emotional, leise und zugleich sehr laut, aber für einen frisch Trauernden, ist dieser Text zu intensiv, er reißt mit, er läßt einen versinken und er weckt Grübeleien.

Das Ende ist sehr weit interpretierbar und gerade das ist für mich unheimlich spannend gewesen und hat mir wieder positive Gefühle vermittelt, für jemanden der jedoch noch intensiver trauert, als ich es getan habe und immer noch tue, könnte das auch wirklich ein Fehler sein.

Ich empfehle dieses Buch daher uneingeschränkt jedem, der sich mit dem Thema Trauer, Verlust und Tod auseinandersetzen möchte und das rate ich auch jedem, denn wenn man dies erst tut, wenn man betroffen ist, dann kann es zu spät sein, um Kraft und positive Energie in dunklen Stunden zu finden. Ich wäre jedoch sehr vorsichtig dieses Buch Trauernden zu empfehlen, sicher kann es Kraft spenden, zu lesen, dass andere ähnlich tiefe Täler durchwandern, ähnliche Ängste haben, ähnliche Konflikte ausfechten.

Mir hat es aber auch geholfen meine Trauer überhaupt zu zulassen, sie mir einzugestehen und mich ihr auch ein wenig hinzugeben. Das ist wichtig und das haben viele von uns verlernt. Paolo Girodano schreib darüber in nüchternem sachlichem Tonfall und berührte mich gerade deshalb an einer sehr empfindlichen Stelle.

Vorallem vermittelt das Buch uns eines, nämlich dass wir in unserer Trauer nicht alleine sind, dass wir unsere Familien nicht vergessen dürfen und diejenigen die noch bei uns sind ebenso der Aufmerksamkeit bedürfen, wie diejenigen, die von uns gegangen sind.

Mir hat es gefallen diesen drei Menschen bei ihrem Kampf um Normalität, Nähe und Zuneigung zu zu sehen und sie zu begleiten, auch wenn es für mich anstregend und schmerzhaft war, hat mir das Buch auch gezeigt, wie wichtig Kommunikation sein kann und wie vieles gesagt werden muß, bis man in Frieden gehen kann.

Gesprochen ist das Buch von Heikko Deutschmann, dessen Stimme ich bei Romanen sehr mag. Er hat diese leicht rauhe Stimme eines reifen Mannes, der ich einfach gerne zu höre. Ein wenig zerknittert und zerstreut wirkt er, wenn er von Nora und ihrer Familie und Signora A. berichtet und dennoch passt diese Stimme ganz fantastisch zu Noras Mann, der sich so viele Gedanken über seine Familie macht.

Auch wenn ich an vielen Stellen wirklich bitterlich geweint habe, sei es bei der Situation, in der man sich an einen Strohhalm der Homöopathie klammerte oder in der Situation in der der Kleine Bilder für die Sterbende malt, so hat mir dieses Hörbuch unheimlich viel gegeben. Es hat mich beruhigt, unterhalten und gleichzeitig aufgewühlt.

Es ist ein wirklich sehr guter Text passend und gut gelesen.

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