Das halbe Haus von Gunnar Cynybulk

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Das halbe Haus – Gunnar Cynybulk

Wenn ich meiner Mutter dieses Buch nach meiner Lektüre weiterreichen werde, weiß ich schon, was sie mir sagen wird:

„Kind, was soll das denn? Ein Buch hat einen Anfang, ein Ende, einen Mittelteil und einen Schluss und dadurch zieht sich ein Spannungsbogen, am Ende sind alle tot oder haben sich lieb. Das hier ist kein Buch, das war Arbeit!“

So ganz im Unrecht ist sie damit nicht, denn Gunnar Cynybulks Text ist Arbeit, gute Arbeit, anstregende Arbeit und lohnenswerte Arbeit. Ich, die ich sonst 100 Seiten mal eben in einer knappen Stunde zum Frühstück verputze habe mit „Das halbe Haus“ satte drei Wochen verbracht, nicht weil ich es so selten zur Hand genommen hätte, sondern weil es mir einfach sehr nahe ging, diese Geschichte dieser Familie mitzuerleben, obwohl einem bereits am Anfang klar wird, dass all das kein gutes, kein schönes Ende nehmen wird, will man doch mit dem Jungen erwachsen werden, drückt ihm die Daumen für seine Träume, leidet mit ihm in seiner Einsamkeit und seinem Unverständnis für so viele Dinge, die man selbst kaum begreifen, kaum nachvollziehen kann, wenn man in einer freien BRD groß geworden ist, wo es immer Bananen gab (man entschuldige das Klischee), man frei war in seinen Entscheidungen (naja, so frei es die Eltern zuließen) und wo es nie darum ging Dinge zu verstecken, zu schmuggeln oder zu berichten, oder wo dies eben einem kindlichen Drang heraus entstand und nicht aus einem Zwang.

Die Geschichte meiner Familie unterscheidet sich von der Geschichte komplett und dennoch ging mir der Text und das Drama dieser Liebe, Angst und Verletzlichkeit so nahe, daß ich es immer nur häppchenweise konsumieren konnte, immer in Angst, was auf der nächsten Seite das gerade so greifbare Glück doch noch zerstören könnte. Hier und da drehte sich Cynybulk für mich einmal zu oft im Kreis und holt dann doch ein wenig zu weit aus, langweilig wurde es dadurch nicht, aber meine Aufmerksamkeit, die man bei diesem Buch eigentlich auf jeder Seite benötigt, weil es so viel auch zwischen den Zeilen zu entdecken gibt, wanderte dann doch schon mal auf ihren eigenen Pfaden, ob das Buch aber, wenn er sich dort kürzer gefaßt hätte, mich gleich beeindruckt hätte, kann ich nicht sicher sagen.

Doch ich will hier keinen falschen Eindruck erwecken, es geht hier nicht nur um Traurigkeit, Enge, Angst und Tristesse, dem Autor gelingt es genauso witzige Anekdoten wieder zu geben und den Leser zum Lachen zu bringen, sein Stil ist dabei ein sehr wandelbarer, schreibt er auf der einen Seite fast poetisch, wird die Sprache auf der nächsten fast derb und zotig, immer so wie es gerade zur Sezenerie paßt. Das fand ich durchaus beeindruckend. Sei es, daß er begeistert vom Sportwettkampf berichtet oder von der Suche einer „Braut“ per Kontaktanzeige, immer ist der Leser sehr nah dabei und rückt an das Innerste der Figuren heran. Um also zu meinem einleitenden Satz zurück zu kehren, nein das hier ist keine Geschichte mit Happy End und dem normalen Erzählverlauf, das hier ist etwas anderes. Ich würde das Buch also sicher niemandem als leichte Urlaubslektüre für den Strand empfehlen, wer aber etwas Nachhaltiges, Anspruchs- und Gefühlvolles sucht, wer einen gänzlich anderen Blickwinkel auf dieses andere Deutschland und seine Bewohner werfen will, der wird hier sicherlich gut unterhalten und gefordert werden.

Ich habe es genossen!

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